Ein Mann, ein Boot, ein Huhn: Guirec Soudée segelt in den Sonnenuntergang.
Foto: Guirec Soudée

BerlinFünf Jahre lang hat der Bretone Guirec Soudée (28) mit seiner Henne Monique die Welt umsegelt. Das Huhn sollte für Proviant an Bord sorgen – wurde aber auf dem einsamen Trip bald auch zum Seelentröster und Gefährten. Von Frankreich aus ging es 2014 zunächst in die Karibik, wo der Abenteurer Geld verdiente, um sein Segelboot auf Vordermann zu bringen. Monate später reisten die beiden schließlich weiter Richtung Grönland, kämpften sich durch Eis und Kälte. Sie durchsegelten die Nordwestpassage von Grönland nach Alaska, kreuzten vorbei an pazifischen Inseln, durch die wilde See um Kap Hoorn bis in die Antarktis. Inzwischen ist Soudée zurück auf seiner Heimatinsel und hat ein Buch über sein Abenteuer geschrieben.

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Monsieur Soudée, eine erste Frage in Corona-Zeiten: Wie geht es Ihnen und Monique in diesen Tagen?

Ziemlich gut. Wir sind auf unserer kleinen Insel in der Bretagne. Monique hat keine Ahnung, was auf dem Festland gerade passiert, sie schaut den ganzen Tag nach Würmern, so wie immer. Ich arbeite an meinem Boot und im Garten, alle zwei Wochen fahre ich rüber aufs Festland zum Einkaufen. Also, ich kann mich nicht beschweren.

Das Alleinsein scheinen Sie jedenfalls gut auszuhalten. Sie sind fünf Jahre um die Welt gesegelt, nur in Begleitung der Henne. War das nicht manchmal sehr langweilig?

Stimmt, ich habe keine Probleme mit dem Alleinsein. Außerdem war Monique ja bei mir. Sie ist wirklich jemand! Sie ist lustig, verständnisvoll, clever – und sie antwortet mir. Außerdem ist das Segeln sehr fordernd und abwechslungsreich. Klar, manchmal geht kein Wind und es dümpelt vor sich hin. Aber an anderen Tagen bist du nur im Notfallmodus. Bei Stürmen etwa bleibt kaum Zeit, da muss man sehr schnell reagieren.

Wie entstand die Idee zu dieser Reise?

Es war ein Traum, seit meiner Kindheit auf der Insel Yvinec. Seit ich sieben war, bin ich mit einem kleinen Motorboot zum Fischen rausgefahren, als Teenager ging ich dann zum Windsurfen und Speerfischen. Man könnte sagen, in meinen Adern fließt Meerwasser, die Ozeane faszinierten mich von klein auf. Mein Vater besaß eine Weltkarte, vor der träumte ich stundenlang vor mich hin, wie ich eines Tages die Weltmeere bereisen würde.

Die "Yvinec" benannte Soudée nach seiner bretonischen Heimatinsel.
Foto: Guirec Soudée

Wie haben ihre Freunde und Familie reagiert, als sie von Ihren Plänen hörten?

Mein Vater hatte Vertrauen, meine Mutter und  Schwestern waren ängstlicher. Mein Segelboot war in keinem guten Zustand, es war von Rost zerfressen. Jeder sagte mir, ich sei verrückt, so loszufahren, ich sollte am Boot erst mal größere Arbeiten vornehmen. Aber ich wollte nicht länger warten. Also fuhr ich los und entschied, alles Weitere während der Reise zu bewältigen.

Viel Segelerfahrung hatten Sie jedenfalls nicht. War das nicht ganz schön gefährlich?

Mit einem Boot wie diesem hatte ich kaum Erfahrung, das stimmt, aber auf dem Wasser war ich ja mein ganzes Leben. Bei der Segeltechnik haperte es ganz schön, aber ich traf überall auf meiner Reise Bootsleute, die mir wertvolle Tipps gaben. Ich wusste zum Beispiel nicht, wie man das Vorsegel ausbaumt, bis ich nach Portugal kam und Lucie und Kevin es mir zeigten. Natürlich habe ich an Bord viele Fehler gemacht, aber die haben mich schnell lernen lassen.

Guirec Soudée hat über seine Reise ein Buch geschrieben.
Foto: Likka

Gab es Momente, in denen Sie die Reise bereuten?

Ja, jedes Mal wenn wir kurz davor standen zu kentern, auf Grund zu laufen oder vom Eis zerstört zu werden. Aber das legte sich auch schnell wieder. Es gab schwierige Situationen. Ich musste den Anker bei minus 40 Grad mit den Armen einholen und das Boot in Polnähe tagelang steuern, ohne dass Kompass und Autopilot funktionierten. Die großen Stürme der südlichen Breiten mit 13 Meter hohen Wellen, die Angst vor den Eisbergen, dem Kentern – es gibt da viel aufzulisten. Aber: ohne Probleme kein Abenteuer.

Zunächst sind Sie ja ohne Begleitung losgefahren. Wie haben Sie zu Monique gefunden?

Ich wollte gern ein Tier mitnehmen, mein Vater hatte unseren Familienhund vorgeschlagen. Aber der braucht Auslauf und wäre auf dem Boot sicher nicht glücklich gewesen. Außerdem legt er keine Eier. Ich wollte ein Huhn – als Haustier und als Essenslieferant. Ich esse sehr viele Eier. Alle, denen ich davon erzählte, rieten ab: Ein Huhn würde bei dem ganzen Stress an Bord nichts legen. Also segelte ich zunächst allein los. Als ich auf den Kanaren anlandete, kam die Idee wieder und ein Freund besorgte mir Monique. Ich hatte keine Ahnung, was mich  erwartete.

Glauben Sie, dass sie eine gute und sichere Reise hatte? Immerhin war sie die erste Henne, die die Nordwestpassage bezwungen hat.

Allerdings. Monique ist schon sehr speziell und unternehmungslustig. Sie war sechs Monate alt, als ich sie bekam, und sie fühlte sich auf dem Boot vom ersten Tag an zu Hause. Sie legte Eier und suchte Kontakt. Ich habe viel mit ihr gesprochen, das war wichtig für uns beide. Wäre es ihr nicht gut gegangen, hätte sie aufgehört, Eier zu legen – das war nie der Fall. Im Packeis von Grönland und in der Nordwestpassage, als es für mich stressig wurde, war sie unter Deck, nah an der Heizung.

Henne Monique ist wohl das erste Huhn, das die Nordwestpassage durchsegelte.
Foto: Guirec Soudée

Wenn wir Monique fragten, welcher wäre wohl der beste Moment ihrer Reise gewesen?

Sie würde wohl sagen, wie sehr sie fliegenden Fisch liebte. Sie war völlig außer sich, als die Fische an Deck landeten, und wir kämpften darum, wer sie zuerst verschlingen darf. Sie würde außerdem sagen, dass sie es mochte, meinen Teller zu klauen, im Cockpit ein Sonnenbad zu nehmen und auf dem wogenden Wasser einzuschlafen.

Und was war Ihr schönster Moment?

Das in der Sonne leuchtende Packeis, der Moment, als die Schollen endlich dick genug waren, um darauf zu wandern und Ski zu fahren, die Eisbären, die ganz dicht an unserem Boot vorbeischwammen … Es waren so viele großartige Momente, ich kann gar nicht aufhören.

Wie haben Sie eine solch lange Reise eigentlich finanziert?

Auf St. Barth kam ich mit 60 Cent in der Tasche an. Aber ich fand schnell einen Job. Ein Jahr habe ich gearbeitet, um mein Boot fit zu machen. Außerdem startete ich eine Crowdfunding-Kampagne, und Monique hat dabei geholfen, die Medien auf mich aufmerksam zu machen. So fanden sich Geldgeber und Partner. Nachdem wir die Nordwestpassage geschafft hatten, bekamen wir Besuch von CNN und koreanische Sender kauften uns Bilder ab. Von da an war es einfacher. Ich organisierte eine Ausstellung und konnte mein Boot immer besser ausstatten.

Würden Sie sich bei einer nächsten Reise wieder für Monique als Begleiterin entscheiden?

Monique ist jetzt sieben Jahre alt, sie liebt ihren Ruhestand auf der Insel. Und Bosco, mein Hund, ist eifersüchtig und besteht darauf, dass er beim nächsten Mal an der Reihe ist.

Guirec Soudée, „Seefahrt mit Huhn“, Malik Verlag, 304 Seiten, 18 Euro