Keine Retro-Bluetooth-Box, sondern ein gutes altes Transistorradio.
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BerlinNatürlich hören die meisten Menschen sowieso Radio: beim Zähneputzen und Frühstück, auf dem Weg zur Arbeit, manchmal auch in Werkstatt, Atelier, Büro oder sonstiger Job-Umgebung, oft beim Putzen und Kochen. Es sind die immer gleichen Sendungen und Stimmen, denn alltägliche Beschäftigungen finden zu den immer gleichen Zeiten statt. Normalerweise. Und genau das hilft in der aktuellen Lebenslage enorm: Die mit Quarantäne, Homeoffice und/oder Zuhause-Kind aus den Fugen geratene Tagesstruktur kann sich übers Radio stabilisieren.

Zum Beispiel mit dem Literatur-Service vieler Sender, die täglich von Montag bis Freitag Romane vorlesen: Auf SWR2 zum Beispiel startet an Montag, den 23. März um 15.30 Uhr nach vielen Wochen Hölderlin „Alle, außer mir“ von Francesca Melandri. Es geht um eine Römerin, einen Afrikaner und die italienische Kolonialgeschichte. Auf MDR Kultur ist die „Lesezeit“ um 9.05 Uhr oder 19.05 Uhr (Wiederholung). Auch dort beginnt ebenfalls am Montag etwas Neues, nämlich Judith Schalanskys wunderbares „Verzeichnis einiger Verluste“. Ein Thema, das gerade viele – wenn auch hoffentlich nur vorübergehend – betrifft. Ab 15.15 Uhr gibt’s beim MDR außerdem eine Viertelstunde Klassik (auch hier Hölderlin, er hatte ja gerade Geburtstag). Auf NDR Kultur wird „Am Morgen vorgelesen“, und zwar um halb acht, gerade ist Ulla Lenzes New-York-Roman „Der Empfänger“ dran, die elfte von 15 Folgen.

Hinsetzen und zuhören

All das lässt sich auch via Sender-Podcast oder ARD-Audiothek hören, aber das besonders Schöne am klassischen Radio ist ja, dass Sendezeiten wie Verabredungen sind. Man kann schon ein bisschen vorher einschalten (via Internet oder App ist alles überall zu empfangen), sich eine passende Begleittätigkeit überlegen oder sich einfach mit einem Kaffee hinsetzen. Und zuhören.

Ein Text, eine Stimme, ein Ohr, das ist die perfekte Radiokombination. Und anders als beim selbstverwalteten Hörbuch entscheiden nicht wir, wann es beginnt und – wichtiger noch – endet. Das nützt aber der Strukturierung des Tages enorm. Nach der halben Stunde entlässt uns das Buch, wie spannend es auch sein mag, und wir schauen, ob das Kind wieder am Handy hängt, beginnen zu arbeiten oder gehen für uns und die Nachbarn einkaufen.

Wer die Vorzüge dieser, zugegeben, etwas altmodischen Art des Medienkonsums bei unserem Ländersender mit einem Berlinroman testen möchte, schaltet am Montag, den 23. März um 14.30 Uhr RBB-Kultur ein. Dann beginnt Lutz Seiler dort seinen „Stern 111“ vorzulesen, es ist die erste von 45 Folgen. Ein preisgekröntes, von allen, auch bei uns von Cornelia Geißler begeistert besprochenes Buch. Und was könnte besser zum Hörprogramm in ungewissen Zeiten passen als ein Wende-Roman, der heißt wie ein altes Transistor-Radio?