Carolin und Andreas Obieglo machen seit mehr als zwei Jahrzehnten gemeinsam Musik, seit 2007 treten sie als Carolin No auf.
Foto: Mario Schmitt

BerlinWas, um Himmels Willen, hast du mit Deinen schönen langen Haaren gemacht? Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat der geniale Popkomponist Brian Wilson von den Beach Boys das legendäre Album „Pet Sounds“ (von 1966) mit dieser schmerzvollen Verlustanzeige beendet. Das Stück „Caroline, No“ handelt vom Liebeskummer, der nicht vergeht. Aber mehr noch drückt es das Unverständnis des lyrischen Ichs gegenüber derjenigen aus, die nicht nur ihre Frisur verändert hat. „Where is the girl, I used to know?“

Eine ganz andere Tonlage wird natürlich angespielt, wenn ein sich gegenseitig musikalisch inspirierendes Ehepaar sich nach dem alten Song benennt. Carolin und Andreas Obieglo machen seit mehr als zwei Jahrzehnten gemeinsam Musik, seit 2007 treten sie als Carolin No auf. Das nun erschienene Album „No No“ ist bereits ihr siebtes – elf neue Lieder, die nun auch dagegen anzukämpfen haben, dass die üblichen Promotionskanäle während der Coronakrise nicht greifen. Als „No No“ Ende März auf den Markt kam, war es schon nicht mehr möglich, die neuen Songs durch entsprechende Live- und Medienauftritte zu unterstützen.

Ambivalenz als Grundgefühl

Dabei gibt es gute Gründe, etwas genauer hinzuhören. Das sparsam arrangierte, dabei aber fein austarierte Album hat es verdient, nicht bloß weggehört zu werden. Ganz einfach ist das nicht, denn die Ähnlichkeit mit den üblichen Hervorbringungen aus dem Deutschpop-Genre, zu der sich sofort Assoziationen zu Stefanie Klos (Silbermond) aufdrängen, erschweren es, das Eigene zu erkennen. Wer es etwas böse mag, könnte sich an das Schlagerduo Cindy und Bert erinnert fühlen, so zurückgenommen und sanft hinterlegt erklingt die Männerstimme von Andreas Obieglo in den Duetten. Der stammt aus dem bayerischen Deggendorf, und wo dies in Stücken wie „Es is wia’s is“ unweigerlich am Dialekt zu erkennen ist, wird man positiv von einer Songschreiberei überrascht, die einer im deutschen Elektropop oft sehr künstlich wirkenden Aneinanderreihung von Emotionen und Selbsterfahrungsfragmenten auch sprachlich etwas entgegenzusetzen hat.

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In „Habt uns gern“ geht es um das Wechselverhältnis von klaren Haltungen und dem Bedürfnis nach Anerkennung. Ambivalenz ist denn auch das Grundgefühl, das auf „No No“ in einigen instrumentellen Vor- und Zwischenspielen ausgedrückt wird.

Carolin No scheuen die Nähe zum Schlager nicht, machen aber durch ihre ausgeprägten Anleihen bei Blues, Jazz und Country deutlich, dass dieses Bandprojekt nicht auf flüchtigen Erfolg angelegt ist.

Klar, man muss ein Freund balladesker Melodien – wie in dem Stück „Rückenwind“ – sein, um mit Sympathie dabeizubleiben. Die „Special Thanks“ am Schluss klingen auch ein wenig nach „Gute Nacht, Freunde“ von Inga und Wolf. Gut, dass über allem immer auch die musikalische Experimentierfreudigkeit von Brian Wilson schwebt.