Auf der Treppe zum Berlin Biennale-Büro: Die langjährige Biennale-Direktorin Gabriele Horn (Mitte) mit Lisa Lagnato und Augustín Pérez Rubio, zwei aus dem Kuratoren-Quartett.
Foto: Sabine Gudath/Berliner Zeitung

Berlin - Sie hat es in sich, diese elfte Ausgabe der 1998 gegründeten internationalen Berlin-Biennale mit ihrer sich gesellschaftspolitisch einmischenden Tonart. Aber die Corona-Pandemie stört gehörig die sonst so fröhlich-aufgekratzten Kreise der Kunst.

Diese 11. Berlin Biennale kann stattfinden – unter Auflagen. Und nun drängt sich alles zusammen mit der nur eine Woche später folgenden Art Week samt Gallery Weekend und Messen. Droht hier eine nivellierende Konkurrenz?

Die Biennale-Macher sehen das nicht so: Die Biennale beginnt vor der Art Week und bleibt bis zum 1. November in der Stadt. So haben die vier Ausstellungsorte keinen Massenandrang zu befürchten. Über einen Online-Ticketverkauf mit vorbestimmten Zeitfenstern soll ein strenges Hygienekonzept durchgesetzt werden. Die Party fällt aus. Es wäre doch auch zynisch, meinen die Biennale-Macher, denn viele der beteiligten Künstler leben in prekären Umständen, die wir uns in Deutschland nicht vorstellen können.

Die von der Kulturstiftung des Bundes alle zwei Jahre finanzierte Großschau politischer Weltkunst musste von Anfang Juni verschoben werden auf September bis November. Immerhin wurde sie nicht gecancelt, wie es weltweit zahlreichen etablierten Kunstmessen und Großausstellungen erging. Die erfahrene Biennale-Direktorin Gabriele Horn und das vierköpfige internationale Kuratoren-Team – drei Frauen und ein Mann – beschlossen, nicht das Handtuch zu werfen, sondern sich an die neue Lage anzupassen. Wenige Tag vor dem Start am kommenden Sonnabend standen wir in der Zentrale in den Kunst Werken Auguststraße, traditionell das Herzzentrum einer jeden Berlin Biennale. Aus den Ausstellungsräumen dringen Aufbau-Geräusche: Hämmern, Sägen, Bohren.

„Wir waren natürlich erst mal geplättet, als alles dicht machte“, so Gabriele Horn, die seit der dritten Biennale das Steuerrad der Schau lenkt. „Aber noch nie gab es solch eine Situation. Wie macht man eine internationale Großschau aus dem Homeoffice?“ Bei einer Absage wäre alles umsonst gewesen, die Organisation der Ausstellungsräume, auch die gesicherte Finanzierung mit drei Millionen Euro durch den Bund. Das Geld könne nicht einfach ins nächste Jahr übertragen werden. Zudem waren viele Arbeiten, die in Berlin entstanden, bis zum Shutdown so gut wie fertig. Blieben aber noch die Werke, die in den Künstlerateliers auf den Transport warteten. Etliche kamen noch rechtzeitig an. Andere müssen, samt ihrer Schöpfer, der Maler, Bildhauer, Fotografen, Filmer und Aktionskünstler, bleiben, wo sie sind. Manche Arbeiten kann man nun nur digital sehen. Aus Paris oder Brüssel, aus Spanien und auch Chile, inzwischen Corona-Risikogebiete, darf gegenwärtig niemand nach Berlin reisen.

„Schaffen wir es, das war die drängende Frage, haben wir dafür genug Energie?“, erzählt Gabriele Horn. „Wir hatten sie, haben sie noch. Es ist nur sehr viel mühsamer“, meint Lisette Lagnado, eine der Kuratorinnen, geboren im Kongo, viele Jahre  in Südamerika tätig. Sie ist froh, „dass wir den Balanceakt, das schier Unmögliche, wagen.“

Feministische Gesundheitsrecherchegruppe, Installationsansicht „exp. 2: Virginia de Medeiros“.
Foto: 11. Berlin Biennale/ Mathias Völzke

„Und gewissermaßen“, ergänzt Horn, „haben wir ja all die Probleme, die Fragen, die Verwerfungen, die Sorgen und Ängste, die die Corona-Krise weltweit auslöst, in unserem Kunst-Programm. Die Werke von 66 Künstlerinnen und Künstlern, gerade aus Südamerika, behandeln elementare Themen des Lebens, etwa drängende Fragen nach Fürsorge und Solidarität. Es geht um die Zerbrechlichkeit unserer Ökosysteme, der Gesellschaften, der menschlichen Beziehungen. Um Achtsamkeit, um Würde und Respekt vor anderen Lebensarten, Kulturen und Ethnien.“

Und Lagnado setzt hinzu: „Nun gerade! Wir werden auf dieser Biennale zeigen, wie sehr die Ungleichheiten auf der Welt durch die weltumspannende Pandemie noch krasser zu werden drohen, Gesundheitswesen kollabieren, wie wir es in anderen Ländern Europas und der Welt, so in Brasilien und in den USA, mit ansehen mussten.“ Aus verschiedenen Ländern, auch solchen, in denen die Pandemie besonders stark wütete, aus Brasilien, aus Chile, aus Argentinien, kommen die Akteurinnen der „Feministischen Gesundheitsrecherchetruppe“. Sie bestätigt, dass weltweit Pflege und Fürsorge zumeist den Frauen überlassen bleibt, oft zum Billigtarif oder ehrenamtlich.

Auf die Frage, ob es vor allem junge Kunst ist, die diese Biennale dominiert, erklärt Gabriele Horn: „Viele Generationen sind vertreten, samt progressiver Positionen aus dem vorigen Jahrhundert. Käthe Kollwitz ist dabei, für junge engagierte Künstlerinnen und Künstler ist sie eine Referenzfigur. Und die stilistische Bandbreite ist groß, überraschend viel erzählerische, figürliche Malerei, auch sogenannte Außenseiterkunst.“ Die vier Ausstellungsorte – KunstWerke Auguststraße, daad-Galerie, Martin-Gropius-Bau und ExRotaprint-Halle in Wedding – folgen dem Erzählstrang, dass unsere einzigartige Welt und deren Schönheit nur zu retten ist, wenn die zerrissenen, geteilten Gesellschaften, die Politik sich ändern. Wenn Rassismus, Chauvinismus, Kriegstreiberei endlich erfolgreich Paroli geboten werden kann.

Die Biennale-Chefin bestätigt, dass es eher unbekannte Namen sind, die nun auf dieser 11. Biennale vertreten sind. Da wären die in Beirut und Berlin lebende Amerikanerin Marwa Arsanios zu nennen und der Koreaner Young-jun Tak. Aus Rio de Janeiro ist das Museu de Imagens do Inconsciente zu Gast, welches Kunst von psychisch kranken Menschen sammelt, ganz ähnlich der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung. Seit den 80er-Jahren ist die daad-Galerie im Kontakt mit dem Museum Salvador Allende in Santiago de Chile, betreibt gleichsam Forschungsarbeit über die Unidad Popular, den faschistischen Pinochet-Putsch und die Folgen der Militärjunta-Zeit. Im Gropius-Bau, wo es in vielen Arbeiten um die Kritik am postkolonialen Gebaren vieler Museen in Europa und Amerika geht, wird dieses Leid der Chilenen in Bild, Text und Filmen erzählt. Und ihr Kampf, wie der des ermordeten Sängers und Widerstandskämpfers Victor Jara. Da hört man dessen Song „Recht auf Frieden“.

 In blaues Licht getaucht: Installationsansicht „exp. 2: Virginia de Medeiros“.
Foto: 11. Berlin Biennale/Mathias Voelzke

Gabriele Horn sagt: „Da krieg’ ich Gänsehaut. Da wird klar, wie kostbar Frieden ist.“ Eine der Kuratorinnen kommt aus Chile, Maria Berríos. Sie sagt, viele Werke dieser Biennale würden sich „um die Entwaffnung des Patriarchats im weitesten Sinne“ drehen. Ihre Kollegin Renata Cervetta aus Argentinien betont, man spreche „mit einer weiblichen Stimme“ rund um den Globus. Die Welt würde anders aussehen, wenn die Frauen deren Geschicke mit lenkten, mit den Männern als Partner auf Augenhöhe. Gerade in Südamerika aber, überall im Süden, dominiere das Gewaltpotenzial des Patriarchats, gegen Frauen. Darum begreift der einzige Mann im Kuratoren-Quartett dieser Biennale, der Spanier Augustín Pérez Rubio, sich als Feminist. Ihn nerven die Macho-Kulturen, dass weiße, selbstredend heterosexuelle Männer das Sagen haben. Er glaubt, die Welt würde besser, wenn man sie auch auf weiblichen Prinzipien aufbaute.

Und darin sind sich die Biennale-Macher einig: Kunst kann nicht nur um dem Erhalt der eigenen Position kämpfen, öffentliche Förderungen verlangen. Hilfreich wäre auch eine Kunst, die widerborstig genug ist, sich in gesellschaftliche Transformationsprozesse einzubringen. Und so wirkt die Künstlerliste wie eine gesellschafts- und kapitalismuskritische Wundertüte. Hier agieren keine Wirtschafts-Manager. Es gibt keine monetären Absichten wie bei Messen oder spektakulären Kunstmarkt-Schauen. Die Berlin-Biennale formuliert eine innere politische wie künstlerische Notwendigkeit, die Wunden der Welt zu zeigen, das, was Menschen anderen Menschen und der Natur antun.

11. Berlin Biennale, vom 5. September bis 1. November an vier Orten: Institut Kunst Werke, Auguststr. 69, Mi–Mo 11–19/Do 11–21 Uhr daad-Galerie, Oranienstraße 161, Mi–Mo 11–19 Uhr, Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstr. 7, Mi–Mo 10–19/Do 10–21 Uhr,  ExRotaprint-Projektraum Wedding Gottschedstr. 4, Mi–Mo 11–19 Uhr. Online-Tickets: bb-shop.visitate.net