Mittelalter: Zu Unrecht verachtet

"Überall ist Mittelalter“ lautete vor einigen Jahren der Titel eines enorm erfolgreichen Buchs, eines Longsellers seitdem, der das Langzeitgedächtnis mit dem Gedanken an eine Zeit der drastischen Gegensätze vertraut machte. Nicht dass das Buch Horst Fuhrmanns exklusiv bekanntmachte mit einer uns weiterhin prägenden Geschichte, wohl aber nachdrücklich mit der unübersehbaren Vielfalt ungelöster Probleme. Der Untertitel „Gegenwart einer vergangenen Zeit“ war kein leeres Versprechen.

Vielerorts war Mittelalter, auch im abgelaufenen Jahr, in Naumburg ebenso wie in Frankfurt am Main, von Basel über Speyer bis Berlin und Potsdam, wo Brandenburgs Mittelaltererbe gerade in zwei Ausstellungen vor Augen geführt wird, als ferner Schatz, als naheliegende Erbschaft einer Zeit krasser Missverhältnisse und eklatanter Widersprüche. Nicht dass die mittelalterliche Gesellschaft bereits eine Risikogesellschaft gewesen wäre, aber im mittelalterlichen Leben war die Unsicherheit allgegenwärtig.

Umberto Ecos Einführung

Allerorts Mittelalter, so verspricht es auch ein Buch, das Johannes Fried und Olaf B. Rader soeben herausgegeben haben: „Die Welt des Mittelalters: Erinnerungsorte eines Jahrtausends“ (Verlag C.H. Beck, 560 Seiten, 38 Euro). Zahlreiche Mediävisten laden ein zu einer Zeitreise – wie sie im Frühsommer auch in Naumburg an drei Schauplätzen der Stadt geschah, gewidmet dem Naumburger Meister, angefangen mit den Stifterfiguren und dem ebenfalls grandiosen Lettner im Dom.

Als weitere Wirkungsstätten des bis heute anonymen „Meisters“, den man sich an der Spitze eines Kleinkollektivs, eines französischen Werktrupps vorstellen muss, gelten die Kathedralen von Reims, Metz und Noyon, die Burganlage von Coucy und der Dom zu Mainz, die Templerkapelle von Iben und der Dom von Meißen.

Wie viele Wege gerade nach Mainz führten, wo ein eifriger Erzbischof die Architektur sehr systematisch studierte, zeigt nicht nur die zentral inszenierte Grabplatte Siegfrieds III. Als Auftraggeber machte er Mainz zum weithin ausstrahlenden Mittelpunkt mittelalterlicher Mobilität. Hier schuf die Werkstatt das „thronende Weltengericht“, hier hinterließ sie den „Zug der Seligen“ und den „Zug der Verdammten“, beides ein grandioses Gedränge sich überschneidender Figuren. Bereits durch die Körper des 13. Jahrhunderts ging der Aufruhr, unter den Gewändern pulsierte das Leben.

Heute wissen wir: Nicht allein der alltägliche Existenzkampf, ein Leben von der Hand in den Mund, vor allem Endzeiterwartungen legten die Zuversicht in die Zukunft weitgehend lahm. Alles Dasein wurde eingetrübt durch die Erwartung des Weltendes. Die mittelalterliche Gesellschaft war, weiß Gott, keine Spaßgesellschaft. Lebensfreude war unter christliche-kirchliche Kuratel gestellt, schon ein Lachen wurde mit bösartigem Argwohn und fanatischem Misstrauen verfolgt, wie wir etwa aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ wissen.

Finsteres Mittelalter, ohne Zweifel. Zugleich jedoch, das wissen wir aus Ecos großen Essays über das Mittelalter, beschworen das Meditative und die Reflexion die Selbstentdeckung des Ich herauf, unter Schmerzen und Turbulenzen, grundiert von einem apokalyptischen Grundgefühl. Da steht dann der Occupy-Aktivist in New Yorks Wall Street, der heute ähnlich fühlt, in einer langen Apokalypse-Tradition aus der Alten Welt.

Spätmittelalterliches Seelenleben war kein stilles Seelenleben mehr. Die 60er-Jahre des 15. Jahrhunderts wurden zur Zeit der Unruhegeister, so kam es zum Aufruhr auch in der Plastik – so zu sehen im Frankfurter Liebieghaus über den spätgotischen Bildhauer Niclaus Gerhaert. Raumgreifend die Bewegung seiner Figuren, expressiv die Körpersprache, doch so bewegt die Psyche zu sein scheint, gleichzeitig wirkt sie gebannt von tiefer Nachdenklichkeit, bei aller Körperspannung. Es sind zwei Seelen in diesem Selbstbildnis des Niclaus Gerhaert von 1463. Gerhaerts Köpfe wirken nicht mehr aufgehoben im Gottvertrauen, sie waren angekommen im Zwiespalt.

Gerhaert, der 1473 starb, war ein Bildhauer im „Herbst des Mittelalters“, wie der große Kunsthistoriker Johan Huizinga die Epoche des Übergangs nannte, eine Zeit der Verwirrung und Umbrüche, des aufkommenden bürgerlichen Eigenbewusstseins, das einherging mit Selbstzweifeln des selbstbewussten Ich. Zeit der vormodernen Nervosität. Mit ihr wurde die Leitkultur der Kirche bedrängt vom Profanen, das Hehre der höfischen Kultur erhielt Konkurrenz vom Hässlichen, das Heilige vom Gemeinen. Zusammenprall der Kulturen.

Erbe einer universalistischen Idee

Mittelalter. Mit dem Wort, erstmals aufgebracht von Francesco Petrarca (1304– 1374) zu einer Zeit, als das Mittelalter sich noch längst noch nicht überlebt hatte, wohl aber so etwas wie ein Bedürfnis nach Historisierung einer Epoche sich bereits abzeichnete, verbanden sich bis ins 19. Jahrhundert negative Urteile und üble Ressentiments. Die Verachtung des Mittelalters hat Tradition seit dem Humanismus – was zeigt, wie sehr aufschlussreich es sein kann, sich nicht nur auf den Humanismus zu berufen, sondern tatsächlich mit der Tradition zu befassen.

So hat Canossa, 1077, der Bußgang Heinrichs IV. als Ereignis, als Zäsur und Chiffre, immer schon extrem polarisiert. In Speyer, gleich neben dem Dom, im Bannkreis eines Jahrtausendbauwerks, wurde der Besucher mit einer Ära notorischer Unsicherheit konfrontiert. Extrem stark die Unübersichtlichkeit angesichts eines beschleunigten Wertewandels – angefangen mit einer Politik des emotionalen Kalküls. Symbolische Politik, so führte die Ausstellung über das „Jahrhundert der Salier“ vor, ist nichts anderes als ein Re-Import aus vorvergangenen Zeiten, auch hochmittelalterlichen.

Das Mittelalter war wahrhaftig keine Wüstenei, wie der Humanismus seit Beginn des 16. Jahrhunderts polemisierte und zusammenfabelte. Dass ein Konrad Witz zu den radikalen Erneuerern der Malerei in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zählt, machte eine Ausstellung in Basel deutlich. Geleitet wurde das Auge bis in den Bildhintergrund, wo, hinterm gotischen Fenster, direkt neben dem Heiligenschein der Katharina, über eine belebte Straße hinweg, der Künstler ein Bürgerhaus malte. Darin, nach Art der Zeit, ein Mittelaltershop. Vor ihm hält sich ein rot gekleideter Mensch auf, sein Körper spiegelt sich in einer Pfütze. Es war Mitte des 15. Jahrhunderts wahrlich nicht selbstverständlich, dass es in einem Bild geregnet hatte.

Witz verblüffte mit bis dahin unbekannten optischen Kniffen, seine Virtuosität wäre ohne Mobilität durch das westliche Europa nicht möglich gewesen wäre. Er war ein Pionier, er vermaß den Raum neu, und er war ein Artist der Augentäuschung – so hob er gar die unsichtbare Schwelle zwischen Bildraum und Betrachterraum auf. Überhaupt war er ein Schwellenkundler, nicht der einzige seiner Zeit, aber eigensinnig genug, um selbst den Schatten, dieses unselbstständigste Gebilde unter der Sonne, ein Eigenleben führen zu lassen.

Schon ein anderes Buch Fuhrmanns, seine „Einladung ins Mittelalter“, war eingestandenermaßen eine kaleidoskopartige Zusammenschau – eine herrliche ermöglichten im vergangenen Jahr die vier Ausstellungen. Mit der Zeitreise war alles andere als das verbunden, was gern als „Rückfall ins Mittelalter“ denunziert wird. Keinesfalls geht es um nostalgische Beschwörungen, ebenso wenig um chauvinistisch grundierte Ursprungserzählungen. Wo doch gerade die Beschäftigung mit dem Mittelalter lehrt, unter welchen Umständen die deutsche Nationalgeschichte in einem „Niemandsland“ (Fuhrmann) mündete.

Erinnerungsort Mittelalter: Dazu gehört das Erbe einer universalistischen Idee – auf Kosten des Individualismus. Mit dem Dogma einer fest gefügten Ordnung unternahmen irdische Herrschaft und kirchliche Macht alles, um den Mittelaltermenschen dem Seelenstress auszusetzen. Der Mittelaltermensch, wie statisch und hierarchisch auch immer sein Weltbild, sah sich den ätzendsten Zumutungen ausgesetzt, speziell im päpstlichen Rom. Die Baugeschichte von Sankt Peter, über Jahrhunderte ein Auf und Ab aus Schöpfung und Zerstörung, zeigte ein Papsttum am Werk, dessen Gestaltungswille kaum einen Stein auf dem anderen ließ.

Mancher Erinnerungsort ist also keiner, wie Volker Reinhardt in dem von Fried und Rader herausgegebenen Buch schreibt. Bevor das „Geschichtsbuch aus Stein“ (Reinhardt) von der Kuppel des Michelangelo bekrönt wurde, exekutierten parvenühafte Päpste einen Kulturkampf. St. Peter oder: der Erinnerungsort als Steinbruch. Reinhardt spricht vom „Paradoxon der Peterskirche als Erinnerungsort, der Kontinuität vorweisen soll. Denn dazu ist er exemplarisch ungeeignet.“ St. Peter wurde durch „Hybris“ und „Verworfenheit“ zum „schwarzen Erinnerungsort“.

Frieds und Raders Buch versammelt Erinnerungsorte als Kristallisationspunkte, die, überformt immer wieder von Anekdoten und Legenden, Mythen und Histörchen, ein kritisches Langzeitgedächtnis aufrufen. Deshalb geht es auch nicht darum, noch einmal, wie schon im nationalistischen 19. Jahrhundert, den alten Reichsgedanken auferstehen zu lassen. Welche Antworten auch immer das Mittelalter für die Fragen des 21. Jahrhunderts haben mag (nein, keine frömmelnden, keine esoterischen, keine eschatologischen): als Zeitalter des Aufbruchs, als Ära der Mobilität und Epoche der Verunsicherung ist es ein offenes Buch der Geschichte mit sieben Siegeln.

Kollabierenden Gewissheiten, grundstürzenden Erfahrungen war bereits der Mittelaltermensch ausgesetzt. Es ist der Essay Max Kerners in dem von Fried und Rader herausgegeben Buch, der über Aachen und den Kult Karls des Großen von einem „Erinnerungsort mit Blick in die Zukunft“ spricht. Viel kam an diesem karolingischen Residenzort des 9. Jahrhunderts, „im Herzen Europas“, zusammen. Kerner verweist in Zeiten der Euro(pa)krise auf nichts weniger als einen europäischen Erinnerungsort. Dieser Gedanke erinnert an eine Überlegung des großen Jacob Burckhardt (1818–1897), der die „Größe“ des Mittelalters, bei allem Elend, an seiner „Hingebung“ maß. Hochaktuell der Blick des Historikers zurück nach vorn, wo er doch die mittelalterliche Hingabe an eine Idee allemal der „Zwangsindustrie“ aus „Credit und Capitalismus“ vorzog .