Anfang März 1963 ist Hans Rodenberg, der Stellvertretende Minister für Kultur der DDR, zur Kur in Bad Liebenstein. Im Gepäck hat er ein Drehbuch, das der Schriftsteller Günter Kunert und der Regisseur Günter Stahnke für die Defa verfasst haben. Es ist eine Satire frei nach Mark Twains „Ein Yankee an König Artus' Hof“, die den Stoff bis in die Gegenwart fortschreibt, ein Zerrspiegel des American Way of Life.

Doch Rodenberg hat für den galligen Witz keinen Sinn, er entdeckt vielmehr Pornografie, Sadismus, naturalistische Banalität. Am 14. März schreibt er an Defa-Direktor Jochen Mückenberger: „Es ist physisch widerlich, dieses Buch zu lesen.“ Und: „Ich weise Sie an, die Arbeit an diesem Stoff abzubrechen.“ Zugleich fordert er, dass die Defa die Kooperation zwischen Kunert und Stahnke sofort einzustellen habe und „keinen weiteren gemeinsamen Stoff innerhalb des Spielfilmstudios“ zulassen solle.

Beleidigte Lotte Ulbricht

Das Verdikt kommt nicht aus heiterem Himmel. Kunert und Stahnke haben 1962 bereits zwei Filme miteinander gedreht, die beide das Missfallen der Obrigkeit erregen. Die Filmoper „Fetzers Flucht“, mit der Musik von Kurt Schwaen, ist zwar ausgestrahlt worden. Lotte Ulbricht aber, die Ehefrau des ersten Mannes im Staate, fühlt sich von den gekippten Bildern, den Körperteilen in Großaufnahme, der Einstellung einer aufgeschnittenen Hirnschale persönlich beleidigt. Kritiker werden angewiesen, den Film als formalistisch und dekadent zu brandmarken.

„Fernsehkunst für wen?“, fragt auch die Berliner Zeitung und entdeckt in der deutsch-deutschen Fluchtgeschichte Mystizismus, Symbolismus und Anarchismus: „Wer für den Bildschirm schreibt, wendet sich doch nicht an eine Handvoll blasierter Feinschmecker, denen jedes Formspiel eine Offenbarung ist.“ – Stahnkes und Kunerts Folgefilm „Monolog für einen Taxifahrer“, fest terminiert fürs Weihnachtsprogramm 1962, wird daraufhin abgesetzt: eine Studie über soziale Entfremdung, mit einem leisen, an Gott und der Welt zweifelnden inneren Monolog und extremen Blickwinkeln.

Von Konrad Wolf gelernt

In beiden Fällen hat sich Günter Stahnke als experimentierfreudiger junger Regisseur erwiesen. Und das als Seiteneinsteiger. Denn er kommt vom Schauspiel, schrieb dann Theater- und Filmkritiken. Sah als Rezensent Hunderte Filme. Lernt, wie man es macht. Und wie man es nicht macht. Konrad Wolf lädt ihn als Assistent zur Defa ein. Als der Regisseur eines Kinderfilms nicht mehr weiterweiß, springt Stahnke ein und rettet dem Studio eine Planposition.

Auch der erste eigene Film ist ein Kinderfilm: „Vom König Midas“ (1962), eine Filmoper fürs jüngste Publikum, Günter Kunert schreibt die Vorlage. Bereits hier wird der Vorwurf des Formalismus laut. Die Hauptverwaltung Film zögert die Abnahme hinaus, belässt das ungeliebte Kind im Zwischenreich zwischen Zulassung und Verbot. Fürs Fernsehen dreht Stahnke die Spielfilmteile des dokumentarischen Reports „Revolution am Telefon“ (1964) über Stauffenberg und den 20. Juli 1944 in expressionistischer Manier, mit langen Schatten und Wänden, die die Figuren zu erdrücken drohen.

So hätte es weitergehen können. Stahnke verschmerzt die Verbote schnell, auch dass er auf Parteiversammlungen „Irrtümer“ eingestehen muss, steckt er weg. Er kann ja weiter arbeiten, legt ein enormes Tempo vor, schon ist das Szenarium für eine Adaption von Anna Seghers' Roman „Die Entscheidung“ fertig, da kommt der Parteiauftrag, „Der Frühling braucht Zeit“ zu inszenieren.

Das Drehbuch basiert auf Materialien der Parteikontrollkommission, es geht um falsche Entscheidungen in einem Großbetrieb, mangelnde fachliche Qualitäten der Leitung, einen Unfall, der einem parteilosen Ingenieur in die Schuhe geschoben wird. Ein spröder Stoff, aufbereitet wie ein existenzialistischer Krimi, einsame Menschen in totalen Einstellungen, erdrückende Verhältnisse. Noch im Tauwetter gedreht, verschwindet der Film in der kulturpolitischen Eiszeit des Dezember 1965.

Stahnke wird aus der Defa entlassen. Kommt zum Metropoltheater. Wird zum Fernsehen geholt. Darf Lustspiele und Revuen drehen. Keine ernsten Stoffe. Nie mehr, bis zum Ende der DDR. Er arbeitet in der Nische, hat Erfolg, wird von Millionen gesehen, verdient viel Geld. Auf der Höhe seiner Kunst war er zwischen 34 und 37. Heute wird Günter Stahnke neunzig Jahre alt.