Wenn man ihm freigestellt hätte, zu sein, wer er wolle, dann wäre er am liebsten ein kleiner ostjüdischer Junge gewesen. So schrieb Franz Kafka in einem Brief an Milena Jesenská. In Moacyr Scliars Werk „Kafkas Leoparden“, dem vielleicht herzerwärmendsten Büchlein dieses Herbstes, nimmt sich der brasilianisch-jüdische Autor dieses Wunsches an. Allerdings so, wie es für Scliar (1937-2011) typisch ist: auf ironische, ziemlich schräge und zugleich melancholische Weise.

Kafka spielt dabei übrigens nur eine Nebenrolle, wenn auch eine spektakuläre. Er wird überstrahlt von einem ostjüdischen Jungen aus Bessarabien, von Benjamin Kantarovitch. Genannt Ratinho, das Mäuschen. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs macht sich der reichlich naive Jungkommunist auf den Weg nach Prag. Im Auftrag einer trotzkistischen Gruppe soll ihm dort eine unbekannte Person ein wichtiges Dokument übergeben, das Hinweise auf einen Umsturz enthält.

Im Zug aber lässt der nervöse Ratinho seinen Koffer stehen, in dem auch der Umschlag mit den Informationen zu seiner Kontaktperson liegt. Alles, was er weiß: Es soll sich um einen jüdischen Schriftsteller handeln. In Prag angekommen fragt er herum, wer dieser Autor sein könne. Und gelangt irrtümlicherweise zu Kafka, den Scliar nun auf sein anderes Ich treffen lässt, den ostjüdischen Jungen. Kafka jedoch hält den jiddischsprechenden Ratinho für den Boten einer jüdischen Zeitschrift, der er einen Text versprochen hat.

„Leoparden im Tempel“, liest Ratinho auf dem Manuskript, das Kafka ihm überreicht. „Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.“ So mutiert Kafkas kryptischer, in Hunderten von Abhandlungen interpretierter Aphorismus zu einem verschlüsselten Code. Und Ratinho spekuliert verzweifelt, was er denn bedeuten möge.

Dies ist nur der Anfang einer wahnsinnig verwickelten und überaus witzigen Verwechslungsgeschichte, die im Vorübergehen einige inspirierende Reflexionen zu Kafkas rätselhaftem Text aufwirft. Die ganze Geschichte aber steht auch in einem politisch-historischen Kontext. Scliar schlägt einen Bogen von den enttäuschten linken Utopien der 20er Jahre bis zur Militärdiktatur in Brasilien. Im Jahr 1965 – unser Held war nach der Heimkehr aus Prag ob der immer schrecklicher werdenden antijüdischen Pogrome nach Südamerika ausgewandert – wird Ratinhos Großneffe bei einer Aktion gegen die rechten Putschisten in Porto Alegre verhaftet.

Es droht Schlimmes, doch Ratinho, nun ein alter Mann, kann seinen geliebten Verwandten mit Hilfe eines entlastenden Dokuments befreien. Es handelt sich, wie könnte es anders ein, um Kafkas Leoparden-Text.
Auch „Die Ein-Mann-Armee“ von Scliar ist so eine halb irre, halb tragische, umstürzlerische Geschichte. Darim kämpft ein verrückter Revolutionär mit „Genosse Schwein“ und „Genossin Ziege“ für eine neue, menschenwürdige Gesellschaft .

Moacyr Scliar: Die Ein-Mann-Armee. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner. Lilienfeld, Düsseldorf 2013. 200 S., 19,90 Euro.