Ein vernachlässigter Altbau
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BerlinEltern nach den Homeschooling-Monaten kennen es vielleicht: Jahrelang konnte die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem nur mühsam unterdrückt werden, doch jetzt ist es mit der eigenen Verantwortung für die Vermittlung des Unterrichtsstoffs auch wieder nicht recht. Die Freiheit, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen, und die Erwartung, dass der Staat für die wesentlichen Grundbedürfnisse da ist und die auch noch gut organisiert, stehen nicht nur in Corona-Krisenzeiten in Kontrast zueinander. Doch gerade die Berliner Stadtentwicklungsgeschichte ist reich an Beispielen, in denen Selbstorganisation, Eigeninitiative und staatliches Handeln eine innovative Koexistenz eingingen und sich ergänzten.

So stand die soziale Wohnungspolitik in den 1920er-Jahren vor dem Problem, dass sich die private Bauwirtschaft weigerte, am gemeinnützigen Wohnungsbau mitzuwirken, und die städtischen und gemeinnützigen Bauvorhaben an überhöhten Baupreisen zu scheitern drohten. Zusammen mit den Gewerkschaften wurden deshalb vor 100 Jahren die ersten sozialen Bauhütten gegründet, in denen sich Handwerker und Bauarbeiter zusammenschlossen, um die Aufträge der gemeinnützigen Wohnungsunternehmen zu übernehmen.

Hunderte solcher selbstorganisierten Bauunternehmen schlossen sich 1920 im Verband der Sozialen Baubetriebe zusammen. Geplant auf kommunalen Grundstücken, gefördert mit öffentlichen Mittel aus der Hauszinssteuer, errichtet durch die sozialen Baubetriebe, entstanden fast 100.000 kommunale und gemeinnützige Wohnungen, die sich als Siedlungen des UNESCO-Weltkulturerbes auch heute noch bestaunen lassen.

Ab den 1970er-Jahren wurde vor allem in Ostberlin viel gebaut, wie in Marzahn, Hellersdorf, Hohenschönhausen bis heute zu sehen ist. Finanziert aus dem Staatshaushalt, errichtet von den Wohnungsbaukombinaten und verwaltet von den Arbeiterwohngenossenschaften und Kommunalen Wohnungsverwaltungen wurden über 160.000 Neubauwohnungen als Erfolg des „Wohnungsbauprogramms“ gefeiert.

Trotz der monotonen Architektur bieten die zentral organisierten Produktionsketten und vor allem die Praxis der integralen Planung mit Grünanlagen, Verkehrsanschlüssen und den selbstverständlichen Wohnfolgeeinrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Arztpraxen oder Gaststätten auch heute noch sinnvolle Anregungen für den Wohnungsbau.

Die Kehrseite der DDR-Baupolitik liegt in der massiven Vernachlässigung der Altbauten und dem Versagen der staatlichen Wohnraumlenkung. (Was hätte sie tun sollen angesichts der fehlenden Wohnungen?) In fast allen Großstädten der DDR setzte sich wegen der unbefriedigenden Wohnversorgung das „Schwarzwohnen“ als Praxis der Selbstversorgung durch. Meist junge Menschen bezogen dabei nicht regulär vermietbare Altbauwohnungen und formalisierten ihren Wohnstatus danach bei den zuständigen Ämtern.

Der Historiker Udo Grasshoff beschreibt, dass der illegale Bezug einer Wohnung in der DDR lediglich als eine Ordnungswidrigkeit geahndet und von Behörden und Justiz in der Regel nicht verfolgt wurde. Das überrascht angesichts des ansonsten autoritären Staates. Die Kombination aus staatlicher Fürsorgefunktion und der Unfähigkeit, die Wohnungsfrage für alle zu lösen, zwang die DDR an dieser Stelle zur Großzügigkeit gegenüber privater Eigenmächtigkeit.

Obwohl in West-Berlin zunächst mit polizeilichen Räumungen und Repression auf die Hausbesetzungen reagiert wurde, setzte auch dort in den 1980er-Jahren ein entspannterer Umgang mit den Gesetzesüberschreitungen ein. Angesichts von etwa 160 besetzten Häusern arbeitete der Senat nicht nur auf eine Legalisierung hin, sondern entwickelte sogar spezielle Förderprogramme zur baulichen Selbsthilfe. Mit großzügigen Zuschüssen wurden die Instandbesetzer dabei unterstützt, die oft desaströsen Altbauten selbst zu modernisieren. Als Modell der „Behutsamen Stadterneuerung“ machte sich die Allianz zwischen Hausbesetzungen, Architektur und Verwaltung einen internationalen Namen und gilt bis heute als Musterbeispiel für eine partizipative Stadtentwicklung, bei der die Bewohnerinnen und Bewohner den Takt vorgeben.

Heute wird die Forcierung des Wohnungsbaus als größte Herausforderung in Berlin angesehen. Gebraucht werden vorrangig leistbare Wohnungen für Menschen mit geringen Einkommen. Weil von privatwirtschaftlichen Investitionen keine günstigen Wohnungen zu erwarten sind, setzt der Senat bis zum Jahr 2030 auf 100.000 Neubauwohnungen von gemeinwohlorientierten Bauträgern. Die begrenzten Kapazitäten von sechs getrennt agierenden landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, steigende Baupreise und Anwohnerproteste gegen viele Neubaupläne zeigen, dass dieses Ziel nicht ohne tiefgreifende Veränderungen erreicht werden kann. Wenn eine Wohnung ein Zuhause und nicht nur eine Immobilie sein soll, lohnt sich der Blick zurück.

Die Umverteilung von Vermietungsrenditen in Förderprogramme und die gemeinwirtschaftlichen Bau- und Planungskapazitäten aus den 1920er-Jahren, die übergreifende Planung und die seriell organisierten Bauabläufe in der DDR sowie die Unterstützung von Eigeninitiative beim tolerierten Schwarzwohnen und der Behutsamen Stadterneuerung bieten sinnvolle Zutaten für eine andere Wohnungspolitik.

So wie Eltern und Kinder nicht nur unter den Corona-Bedingungen eine funktionierende Schule erwarten, sollte auch das Wohnen als soziale Infrastruktur realisierbar sein. Die Formel für die Berliner Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert kann aus der eigenen Geschichte gewonnen werden: öffentliche Finanzierung, gemeinwirtschaftliche Bauträger, eine planvoll koordinierte kommunale Wohnungswirtschaft und der Mut, Eigeninitiative der Bewohnerinnen und Bewohner zuzulassen.

Andrej Holm ist Berliner Sozialwissenschaftler, er forscht zu den Themen Wohnungspolitik und  Gentrifizierung. Er berät die Senatsverwaltung als Mitglied des „Begleitkreises zum Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030“.

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.