Die großstädtische Installation „Ein Paradies von einer Stadt!“
Foto: modellberlin

Wie bescheiden Berlin sein kann, wie zurückhaltend und nobel elegant, zeigt der immer wieder tolle Wiederaufbau der im Krieg zerstörten St.-Matthäus-Kirche: Außen in der historischen Form der 1840er-Jahre wiedererstanden, ist sie innen klar und elegant modern, ohne Pomp oder erzwungene Würde. Sie ist ein Musterbeispiel für den kritischen und doch selbstbewussten Umgang mit Geschichte, auch mit der Erinnerung an das umfassende gesellschaftliche Versagen der Deutschen in der Nazizeit.

Ein guter Ort also für das Projekt „Modell Berlin“. Mitten im einst so bürgerlichen Tiergartenviertel dominiert heute mit Philharmonie, Staatlichen Museen und Staatsbibliothek die Hochkultur auf dem ansonsten eher antiurbanen Kulturforum. Allerdings musste die Kirche, um eine neue Botschaft verkünden zu können, innen regelrecht umgedreht werden: Der Altar in der Chornische ist hinter einer Sitzbank verschwunden, Gottesdienst fand am Sonntag Richtung Haupteingang statt, hin zu einer Bühne, auf der am Sonnabend Berliner Verlage zeigten, wie sie sich im harten Geschäft des regionalen Buchmarkts behaupten wollen.

Blieb das Paradies noch Paradies, nachdem Gott seine eigene Schöpfung, den Menschen, daraus verbannt hatte – oder wurde es durch den Einzug der Erkenntnis zur Hölle? Walter Benjamins böse Philosophenfrage soll in dieser Ausstellung der Leitfaden sein: Ist, seitdem Adam und Eva vom Apfel der Erkenntnis bissen, die Welt klüger geworden oder unvollkommener? Und wie wirkte sich das auf Berlin aus? 28 Künstler, Initiativen und Architekturbüros versuchen eine Näherung, man sollte sich Zeit nehmen, zumal leider wieder einmal die meisten Teilnehmer behaupten, ihre Werke erklärten sich doch von selbst – was sie, jeder Museumspädagoge weiß das, nicht tun. Man muss also viel rätseln und darf sich streiten um Bedeutungen.

Geschwindigkeit als Lebenselexier der Stadt

Die Räumung der besetzen Häuser in der Mainzer Straße etwa war ein immenser politischer Fehler für die einen, für die anderen die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung. Die einen sahen nur die Gewalt der Polizei, die anderen auch die Gewalt gegen Polizisten, wie uns Marc Weiser und Marco Krojak mit ihrer Bildfolgeninstallation auf der Empore in Erinnerung rufen. Für die einen wurde hier der Staat zum willfährigen Gehilfen des Kapitals, für die anderen sicherte er das Gewaltmonopol, auf dem unser aller Sicherheit gebaut ist. Auf der gegenüber liegenden Empore wird für ein MUSUKU gefochten, ein „Museum der Subkulturen“. Großartige Fotos vom Leben an der Rummelsburger Bucht – und doch, man sieht vor dem inneren Auge schon den Gender- und sonstig korrekt geschriebenen Förderantrag und seine Genehmigung durch Kultursenator Klaus Lederer vor sich. Ein Museum für das dezidiert Antimuseale? Geht’s noch?

Es geht um Geschwindigkeit als Lebenselexier der Stadt, vertreten durch den nun bald nach nicht einmal einem halben Jahrhundert Betrieb stillgelegten Flughafen Tegel. Er ist ein Monument des Flugzeug- genauso wie des Automobilzeitalters, anachronistisch nicht erst seit Covid-19. Doch das geniale Design des Büros GMP von Gerkan, Marg und Partner (GMP) ist geblieben, diese geschwungenen, zu Sechsecken zusammengestellten Sitzgruppen, bei denen es in den Fingern juckt, sie mitzunehmen, so elegant und bequem sind sie. Am Mittwoch wird Stefan Schütz von GMP über dieses legendäre Projekt und ihren anderen großen Flughafen sprechen, BER in Schönefeld nämlich. Aber erst, nachdem Dieter Nägelke, der Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität, klar gemacht hat, dass ohne Geschichtsbewusstsein alles nichts ist.

Wir stehen von Kulissen einer Stadt voller düsterer Geister der Vergangenheit von Michael Birn, freuen uns am Widerstandspotential langsam zubereiteter Teesorten in einem Kiosk von Oliver Seifert, müssen zu einer Freiheitsstatue a la Berlin hinaufsehen – das New York-Trauma dieser Stadt ist genauso lebenskräftig wie ihr Minderwertigkeitskomplex gegenüber Paris und London.

Aber am meisten begeisterte mich die Wiederentdeckung des „Kronos-Projekts“ durch Roland Boden: Seit 1926, behauptet er, werde im Berliner Untergrund die Relativitätstheorie von Albert Einstein bewiesen, indem ein U-Bahnwaggon auf einer Entschleunigungsbahn unendlich langsam durch den Tunnel bewegt werde. Seither habe sich der Waggon etwa 370 Meter nach vorne bewegt. Wer aus den Toren der Kirche tritt, auf die unglaubliche Wüstenei des Kulturforums sieht, dieses selbst nach 60 Jahren Dauerscheiterns von Berlin immer noch verfochtenen Experiments, kann sich durchaus vorstellen, dass der Kronos-Wagen noch immer voranschleicht. Weiter und weiter – bis sich die Tore des Paradieses für uns Nachfahren von Adam und Eva wieder öffnen.