Berlin-Panorama
Foto: Foto: imago images/Andreas Gora

BerlinSeit meiner Schulzeit interessiere ich mich für Literatur, Musik und Architektur und erfuhr durch ins Japanische übersetzte Bücher, dass Berlin um 1920 ein Brennpunkt kultureller Ausstrahlung gewesen war. Wenn ich auf Straßenschildern Namen wie Tucholsky, Eisler oder Schleiermacher finde, spüre ich neben einer tiefen Bewegtheit wieder diese Anziehungskraft. Die Kunst, mit der ich in Berührung kam, besitzt eine bindende Kraft, und sie bindet mich am stärksten an Berlin.

Dann gibt es hier auch jene Kunst, die aus Natur und kultivierter Landschaft resultiert. Die Seen, die Spree, Kanäle, Parks, Museen, Galerien und Gebetsorte … Meines Wissens ist Berlin die einzige Hauptstadt, die das bringt. Das Transportnetz zeigt sich überschaubar und im Vergleich zu japanischen Großstädten in Proportionen, die dem Menschen angemessen sind.

Aber Berlin hat nicht nur nette Seiten. Baustellen, die nie enden, kaputte Fahrkartenautomaten, eine Kasse im Supermarkt, an der man ewig stehen gelassen wird, Trägheit und Kompliziertheit der Behörden und anderes dem Ausländer Unverständliches mehr kontrastieren die Harmonie. Diese Dinge sind zwar unpraktisch und unangenehm, führen aber auch dazu, dass die hier lebenden Menschen Nachsicht und Großzügigkeit zueinander entwickeln – so scheint es mir. Möglicherweise haben die vielen ungenutzten, nur ruhenden Orte, die sogenannten Brachen, einen Anteil daran.

In japanischen Städten gibt es 24-Stunden-Supermärkte ohne Ende, alles ist modern und komfortabel, doch ausschließlich auf das Funktionieren ausgelegt. Und die Leute sind vor allem eins: überarbeitet und müde. Ehrfurcht, Ruhe und Demut findet man nur noch in historischen Gebetshäusern. Die japanische Stadt scheint mehr für den konsumierenden als für den reflektierenden Menschen angelegt zu sein.

In Berlin gibt es Raum für Ausgleich – nicht nur durch rechtliche Beschränkungen, auch durch Bräuche, die mehrdeutige kulturelle Interpretationen für den Einzelnen innerhalb des Ganzen zulassen. Worin liegt die Natur dieser integrierenden Kraft einer passablen Koexistenz?

Die Sehenswürdigkeiten Berlins, in denen sich die Schichten der Historie und ihrer Deutungen als Allegorie und Symbol zusammenfügen, haben im Lauf der Zeit einen einzigartigen Stil entwickelt. Dieser Stil entspricht einer preußischen Nüchternheit, einem Anti-Pathos. Es fühlt sich ein wenig wie das Zen des Ostens an. Der Architekt Bruno Taut lobte die Schlichtheit des Kaiserpalastes in Kyoto, weil er auf der fernen Insel eine Schönheit entdeckte, die er selbst entwickeln wollte. Berlin verdankt ihm viel.

Berlin schafft es, durch eine Art Wurzelphänomen, Menschen zu binden. Auch wenn es aus der lokalen Perspektive absurd klingen mag – es kann die Gnade eines Gottes oder Genius sein, der, nachdem er selbst verweltlicht ist, in anderer Form auf uns wirkt: Berlin mo-kei – „als Modell“, auf Japanisch gesagt. Berlin wird weiterhin ein Brunnen der Inspiration sein für Menschen wie mich, die ihren Sehnsuchtsengeln nachjagen.

Nobukazu Takemura, Musiker und Komponist, geboren in Kyoto, hat lange in Berlin gearbeitet. Sein Minimal-Techno verbindet urbane Reflexionen in Europa und Japan.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.