Der Berliner Potsdamer Platz um 1925.
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BerlinDer Schriftsteller Walter Benjamin starb vor knapp achtzig Jahren in einem Ort an der französisch-spanischen Grenze, wo niemand ihn kannte. Gelebt hatte er zuletzt in Paris, aber zuvor, gut vierzig Jahre, in Berlin. Hier wurde er geboren, hier hat er studiert, geliebt, geheiratet, Erfolge gefeiert, aber hier hat er auch lernen müssen, sich ins Scheitern einzuüben. Benjamin war Berliner durch und durch.

Er war vertraut mit den Straßen, Parks und Denkmalen, mit Redaktionsstuben, Cafés, Theatern, den Sprechsälen der Jugend und den „Quartieren / Der Liebe niedrigster Art“. Und sogar mit dem unergründlichen Walten der Berliner Behörden: „Wir, die geschundenen Steuerzahler, haben, weiß Gott, das Recht, diese Stadt, deren Verwaltung von einer Blamage in die andere taumelt, vor allen möglichen Gerichten zu belangen.“

Im Radio sprach er über die „Berliner Schnauze“: „Der Berliner, sagen die Leute in Deutschland, na ja, das ist eben der Mann, bei dem alles zu Hause anders und besser und schlauer gemacht wird wie bei uns. Wenn man’s ihm nämlich glaubt. Deswegen haben sie auch den Berliner nicht gern, wenigstens tun sie so. In Wirklichkeit ist es doch sehr schön, wenn man eine Hauptstadt hat, auf die man ein bisschen schimpfen kann.“ Benjamin gibt Beispiele: „Wie heeßt der Schmetterling, Vater?“, fragt der Sohn auf einen Landpartie. „Heeßen heeßt et nich, heißen heeßt et“, bekommt er zur Antwort.

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung. 

1933 musste Benjamin auf immer Abschied von der Stadt seiner Geburt nehmen. In einem erschütternden Vorwort zu seinen Erinnerungen „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ verglich er sein Schreiben mit einem „Verfahren der Impfung“: Danach habe er „die Bilder, die im Exil das Heimweh am stärksten zu wecken pflegen – die der Kindheit – mit Absicht“ hervorgerufen. „Das Gefühl der Sehnsucht durfte dabei über den Geist ebensowenig Herr werden wie der Impfstoff über einen gesunden Körper.“ Benjamin wollte die Sehnsucht in Schranken halten durch „die Einsicht, nicht in die zufällige biographische sondern in die notwendige gesellschaftliche Unwiederbringlichkeit des Vergangenen“.

Die „Berliner Kindheit“ zählt zu den Büchern, die ihr Autor „zerschlagne“ nennt: sie haben sich zerschlagen, und sie wurden zerschlagen. Die poetischen und zugleich nüchternen Prosastücke sind „Expeditionen in die Tiefe der Erinnerung“, geschrieben in der Vorahnung eines nahenden Epochenbruchs. Das Kindheitsbuch erzählt von Geräuschen und Gerüchen in einer „hochherrschaftlich möblierten Zehnzimmerwohnung“, von den Ängsten des Kindes und von seinem Wissen, vom Geborgensein und vom Weggehen.

Ein Satz Benjamins scheint die Berliner Mentalität genau zu erfassen: als eine Kombination von Virtuosität und Nonchalance im Sinne seines Freundes Gershom Scholem, der wusste, dass die Berliner „ein resilienter Menschenschlag“ sind. „Wappnet Euch mit Gleichmut“, forderte Benjamin Ende 1927 seine Jugendfreunde Alfred und Grete Cohn auf, und er fügte hinzu: „Berlin ist ein wundervolles Instrument, unter der Bedingung dass man drauf pfeift.“

Erdmut Wizisla, Literaturwissenschaftler und Autor, geboren in Leipzig, lebt in Berlin und leitet hier die Archive Bertolt Brechts und Walter Benjamins der Akademie der Künste.