Die Fischerinsel
Foto: imago images/Westend61

BerlinSiebzehn Städtepartnerschaften pflegt die deutsche Hauptstadt, doch unter den Metropolen fehlt eine, die mit Berlin entscheidende Parallelen aufweist: Athen. Genauer: die attische Antike und die großflächige Zerstörung derselben durch die Spartaner. 

In Berlin existieren zweierlei Antiken: die der neoklassizistischen Mitte, die in Reiseführern umfassend beschrieben ist und bequem aus den Hop-&-Drop-Bussen besichtigt werden kann, und die mindestens genauso interessante und klandestine im Osten der Stadt. Deren bauliche Manifestationen sind jedoch einer kontinuierlichen Abtragung in der Erinnerung sowie einem Verwertungsprozess ausgeliefert, wo sie nicht schon abgerissen sind.

Die Idee der Klassik, der Klarheit des Gedankens und dem Demos verpflichtet, wurde durch eine Erzählung im Kalkül der Tourismusindustrie ertränkt – der der angeblichen Coolness der Stadt. Dies geschah in einem Ausmaß, als würde eine fremde Gewalt mit aller Kraft die in die Topografie eingeschriebene Geschichte zu planieren versuchen.

Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs stand im Osten alles zur Verfügung, was sich Architekten wünschen konnten: Brache, Raum und Licht – und große Pläne. Die materiellen Zeugen der Hinwendung des preußischen Berlins zur Antike sind unübersehbar, und nur wenige Schritte dahinter wäre für Interessierte das versteckte Athen mit wenig Fantasie leicht auffindbar.

Die Fischerinsel mit den von Hermann Henselmann entworfenen Hochhausensembles und ihrer attischen Klarheit: Schon allein der Name trägt einen Hauch von Piräus und enthebt einen aus der zu Tode kommerzialisierten Mitte. Ein paar Schritte weiter der Alexanderplatz. Nicht nur als Prestigeobjekt des Stadtstaats, auch als Willkommenshafen für Gäste aus aller Welt geplant, versehen mit einem Leuchtturm, einer Magistrale ins Landesinnere und einer Agora für Kunst, Politik und gesellige Zusammenkunft.

Heute ist das Hafenbassin zugemüllt mit Krämerhallen und mit Billigmarktästhetik aufgerüstet. Die Kais überließ man den Händlern und Wechslern, während die Versammlungshalle der oligarchischen 400, in der das Volk ausgelassene Feste gefeiert hatte, kurzerhand geschliffen und durch den scheel rekonstruierten Palast der alten Könige ersetzt wurde.

Als die Spartaner 404 v. Chr. nach erbitterten Kriegen Athen einnahmen, schliffen sie als erstes die Mauer, nahmen reichlich Tribut und setzten die Herrschaft der sogenannten 30 ein. Immerhin war ihre Regentschaft nicht von langer Dauer, zu sehr waren sie selbst vom Konflikt entkräftet, der Stadtstaat entzog sich langfristig ihrer Kontrolle. Vor allem aber kamen sie nicht mit der Kultur der Athener zurecht, zu hedonistisch, zu intellektuell, zu intrigant. Und bevor ihre größte Angst wahr werden konnte, dass sie nämlich mit der Zeit auch zu Athenern würden, zogen sie sich zurück und beobachteten die Entwicklungen kopfschüttelnd aus großer Distanz.

Spaziert man durch die erwähnten Stadtteile, beschleicht einen mit der Zeit das Gefühl, dass es die Spartaner 2400 Jahre später auch bis Berlin geschafft haben. Tröstend für die Athener: die Pracht, die Erinnerung und die Konzepte ihrer Stadt blieben erhalten. Sparta hingegen, die Stadt der Sieger, endete kärglich als Tabula rasa.

Walter Szevera ist Historiker und Soziologe, lebt in Wien und ist Medienkurator am Technischen Museum ebendort.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz sowie das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.