Franz Hessel ging die Kantstraße entlang. Du gehst die Kantstraße entlang. Auf dem Bildschirm im Inneren von McDonald’s läuft ein Reisekanal. Du liest den Satz: „Flucht aus dem Alltag“. Daneben ein Bild aus der Mitte eines Zebrastreifens in New York, drei Taxis nähern sich der Kamera. Alles ist schwarz-weiß; nur die Taxis sind gelb.

Berlin in den Zwanzigern, letztes Jahrhundert. Christopher Isherwood ist hier, als sie noch alle da sind, angezogen von einer Liberalität gegenüber Homosexuellen, die der Stadt schmerzlich schnell abhanden geht. Einmal kommt Paul Bowles zu Besuch. An der Grenze von Autobiografie und Fiktion veröffentlicht Christopher Isherwood seine Notizen unter dem Titel „Goodbye to Berlin“. Die Hauptfigur nennt er Sally Bowles, nach Paul. Ihm gefällt der Name, und ihm gefällt der Mann. Sally Bowles wird Jahrzehnte später Truman Capote zu Holly Golightly inspirieren, der Hauptfigur seines Romans „Breakfast at Tiffany’s“.

Franz Hessel verlässt seine Wohnung in Berlin. Es ist das Jahr 1924, und ein süßer, herber Geruch von Verfall muss ihn angeweht haben. Ein Goodbye to Berlin liegt in der Luft und in den Augen der vorbeieilenden Menschen. Jedenfalls aus der Perspektive von Franz Hessel. „Er war voll tröstlicher Abschiedsformeln für die Bewohner dieser Stadt“, wird Walter Benjamin später sagen. Franz Hessel, das war der Flaneur, und mit ihm kehrten sie wieder, die Flaneure aus dem 19. Jahrhundert, diesmal in Berlin. „Hier und nicht in Paris versteht man, wie der Flaneur vom philosophischen Spaziergänger sich entfernen und die Züge des unstet in der sozialen Wildnis schweifenden Werwolfs bekommen konnte, den Poe in seinem Mann der Menge für immer fixiert hat“, meinte Benjamin. Zusammen mit ihm hat Hessel Proust übersetzt, und zusammen würde ihnen „immer noch Paris bleiben“.

1933 wird Benjamin ins Exil gezwungen, 1938 geht auch Hessel nach Paris und zieht von dort aus weiter. Für beide bedeutet das Exil den Tod. Benjamin nimmt sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis an der französisch-spanischen Grenze das Leben. Hessel stirbt am 6. Januar 1941 an den Folgen seines Aufenthalts im Arbeitslager Les Milles in Südfrankreich. Im selben Monat beginnt in Amerika der rechtzeitig von den Nazis geflohene Vladimir Nabokov einen Roman namens „Lolita“ zu schreiben, der ihm zum Durchbruch verhelfen soll.

Ein paar Jahre später schreibt Henri-Pierre Roché einen autobiografischen Roman über eine Dreiecksbeziehung, und Franz Hessel wird darin Jules heißen, er selbst Jim. Gemeinsam mit Hessels Frau Helen Grund, die bei Roché Catherine heißt, inspirieren diese drei Figuren des Romans „Jules et Jim“ einen jungen französischen Regisseur namens Francois Truffaut zum gleichnamigen Film. 1962 wird dieser Film sein zweiter großer internationaler Erfolg. Nur Helen ist da noch am Leben. Im Jahr 1959 erscheint Nabokovs „Lolita“ erstmals auf Deutsch. Übersetzt von Helen Hessel.

Unsere Autoren sind Chefredakteure des Flaneur Magazine, das sich in jeder Ausgabe einer Straße einer Großstadt dieser Welt widmet. www.flaneur-magazine.com

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.