Kinder auf einem Spielplatz
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BerlinLässt man Berliner Schüler, egal welchen Alters, Zeichnungen anfertigen, von der gewünschten Innenausstattung ihrer Schule, erhält man lauter Höhlen. Podeste zum Hineinkriechen und Verstecken, Bauwagen mit Gardinen in entfernten Ecken des Schulhofs, Gärten mit Verschlägen, Räume zum Separieren, am liebsten auf dem Dach, im Keller. Die Sehnsucht, sich der Bewachung zu entziehen, wird stärker, je weniger wir sie zulassen. Wir lassen uns von Geländern leiten, von Markierungen führen, von Kameras beobachten, dürfen uns nicht setzen, wo Menschenströme sich bewegen, nicht bleiben, wo wir nicht zahlen.

Wo Großstadtdachböden in den letzten Jahrzehnten nicht zu Dachgeschosswohnungen verwandelt wurden, machte man sie zu Sicherheitsbereichen, für die eine Firma den Schlüssel verwahrt. In einen deutschen Sicherheitsbereich gehören keine Vögel, keine Fledermäuse, keine Kinder, die auf muffigen Filzdecken ein Picknick mit Brühwürfeln und Brausepulver veranstalten. Dass die Dachböden den Schwalben, Amseln, Fledermäusen und Eulen gehörten, wusste noch vor 30 Jahren jedes Kind. Dass die Vögel keine Versicherung zahlen, weiß jeder Hausbesitzer. 57 Prozent weniger Vögel gibt es seitdem. Es gibt kaum Dachböden und kaum Brachen mehr. Alle Orte haben Besitzer, Regeln. Unbeaufsichtigte Plätze gibt es für Tiere und Kinder keine.

Jugendliche treffen sich nicht auf dem begrünten Platz mit Bänken, Tischtennisplatten und Basketballkorb, den die Stadt für sie angelegt hat, sondern lieber an der Böschung zu den S-Bahn-Schienen, auf dem Supermarktparkplatz, der ihnen keinen Vorschlag macht, mit welcher Beschäftigung sie ihre Freizeit ausfüllen sollen. Sie wollen es selbst herausfinden. Auf einem Großstadtdachboden waren sie noch nie.

Das Kribbeln im Bauch, wenn man der Dachkante näher kommt, dürfen sie nicht fühlen, dabei sind die Orte unterm Himmel nur frei und erhebend ohne Gurte und Geländer, sofern man sie überhaupt erreicht. Ein Dachboden, eine alte Scheune, ein Gebüsch, kann in einem Kinderleben wertvoller sein als ein Hotelurlaub, eine selbst erkannte Gefahr lehrreicher als eine Sicherheitsvorkehrung. 

Unsere Kinder klettern über die viel zu vielen Mauern und Zäune der Eigentümer, klettern nachts auf Baustellenkräne, weil es nichts nützt, ihnen die gefährlichen Wege zu versperren. Wo man vor zwanzig Jahren ungestraft Abkürzungen über Betriebsgelände nehmen konnte, sind heute Zäune, Überwachungskameras, Alarmanlagen. Gemeingut schwindet, weil jeder Quadratmeter seinen gewinnabwerfenden Wert hat. Zäune und Mauern erziehen unsere Kinder mit und weisen ihnen auf der Suche nach Freiräumen den Weg ins private Reich, als scheinbar einzige Möglichkeit, sich einen Ort zu ergattern, an dem sie tun dürfen was sie wollen.

Ich bin aufgewachsen im Osten dieser Stadt Berlin. Mit allen Restriktionen, die die Gesellschaft vor 1990 vorschrieb, aber auch mit allen Freiheiten, die das Gemeineigentum und der Mangel erzeugt haben. Dass wahre Freiräume nicht durch Abgrenzung zu schaffen sind, konnten wir damals lernen. Theoretisch versuchen wir unseren Kindern das heute auch beizubringen. Nur wächst die Gefahr, dass wir ihnen ständig das Gegenteil beweisen.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.