Blick in einen Berliner Spätverkauf
Foto: Lukas Uhde/Wikipedia/CC BY-SA 4.0

BerlinEs gibt einen Dialog, den Murat und ich jedes Mal aufsagen, wenn ich in seinen Späti komme. Er geht so.     Hannah: „Hallo!“ −     Murat: „Hannah, hallo, wie geht’s?“ −     Hannah: „Ach ja, ganz gut, viel zu tun. Und du?“ −     Murat: „Gut, aber ich bin müde, weißt du.“

Es gibt einen Dialog, den Murat und ich jedes Mal aufsagen, wenn ich in seinen Späti komme. Er geht so.     Hannah: „Hallo!“ −     Murat: „Hannah, hallo, wie geht’s?“ −     Hannah: „Ach ja, ganz gut, viel zu tun. Und du?“ −     Murat: „Gut, aber ich bin müde, weißt du.“

Ich führe diesen Dialog mit Murat an stillen Dienstagvormittagen und schrillen Freitagnächten, in Jogginghose oder Glitzerkleid, mit Liebeskummer oder Besuch, verkatert und betrunken, vor Kälte bibbernd und über die Hitze stöhnend. Auf eins kann man sich verlassen: Müde ist immer einer.

Müdigkeit und Spätshops − Symptome einer Großstadt, die sich nie zwischen glänzenden Nächten und grau verhangenen Tagen entscheiden wird. Der Späti International ist einer der bekannteren Vertreter, hier ist schon McFitti aufgetreten, hier hat Wrangler seine neue Kollektion präsentiert, die taz, der Spiegel und RBB Kulturradio waren da.

Mal fragen: „Murat, warum seid ihr so berühmt?“ −     „Erstens: Wir sind alle Menschen, aber natürlich ist jeder anders. Das muss man wissen. Und zweitens: Wir arbeiten mit Herz. Wir machen das gerne, wir sind zu jedem freundlich. Deswegen.“

Für mich ist das einfach der Späti, wo das Sterni weiter 80 Cent kostet, ich mit meinen Freunden abhänge und mich der Besitzer auch mal dezent zur Seite nimmt: „Du trinkst zu viel. Du musst mal bisschen aufpassen.“

Es war dieser eine Sommer, und Murat hatte recht. Ich hab mir dann Meloneneis statt Sterni gekauft. Meloneneis! Das ist Wassereis am Stiel mit kleinen Schokoknöpfen, die die Melonenkerne darstellen. Zeig mir die Bar, in der sie sowas verkaufen!

Murat ist 28, den Späti führt er zusammen mit seinem 34-jährigen Bruder Mehmet. Sie sprechen Kurdisch, Türkisch und Deutsch (international) und haben mindestens bis zwei Uhr morgens auf (Späti). Damit werden sie zur Anlaufstelle für alle möglichen Fälle: „Wenn jemand Hilfe braucht, kann er immer kommen, wir haben ja oft auf, wenn sonst nichts mehr los ist.“

Hier war es immer cool

Als ich Liebeskummer hatte, hab ich mir im Späti International vor Kummer eine Grapefruit-Schorle gekauft. Einfach nur, weil ER sie gerne trinkt. Das bittere, kohlensäurearme Schlabbergetränk im Mund dachte ich mir dann: Wieder was gelernt. Und habe den Laden mit produktiver Wut verlassen.

Andere Frage: „   Ist hier schon mal was Schlimmes passiert?“ −     „Nee, ich arbeite seit sechs Jahren hier, und es war immer cool.“ −     „Und was hat sich hier so verändert in den sechs Jahren, die du hier arbeitest?“

Natürlich will ich lamentieren über die digitalen Nomaden, die die Weserstraße befallen und zerfressen haben, über die Weintrinker, die Geldhaber, die Englischsprecher und Apartmentkäufer, aber Murat bleibt auch im Angesicht der Turbogentrifizierung professionell:   „Wir haben die Front ein bisschen umgebaut und moderner gemacht.“

Vor sieben Monaten hat Murat geheiratet. Seine Frau kommt aus Georgien und musste Deutschland wegen ihres Visums gerade für drei Monate verlassen. „Murat, wie läuft die Ehe?“ −     „Seit zwei Tagen ist sie wieder bei mir. Heute waren wir einkaufen und haben ein bisschen was gemacht. Dann ist sie nach Hause gegangen, und ich bin arbeiten gegangen.“ − „Und jetzt bist du müde.“

Hannah Schopf ist Drehbuchautorin und lebt in Berlin. Sie hat unter anderem das Buch zu dem Kinofilm und der Serie „Tiger Girls“ mitverfasst.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.