Gedenkplakette für Trude Hesterberg in der Kantstraße
Foto: Wikipedia, OTFW,, CC BY-SA 3.0,

BerlinIch komme an einer Bäckerei vorbei. Sie ist von einem Gerüst umgeben. Eine alte Dame hat sich gerade einen Kaffee und ein Brötchen geholt. Kein Tisch zum Setzen, sie nimmt das Gerüst. Darauf stellt sie ihren Kaffee und stützt sie die Ellbogen, blickt auf die Straße. Und so steht sie und isst. Man baut um sie herum. Ich überquere die Straße und sehe eine Plakette:

Im Souterrain dieses Theaterhauses gründete 1921 / die Schauspielerin und Sängerin / TRUDE HESTERBERG / 2.5.1892 – 31.8.1967 / die / „WILDE BÜHNE“ / und legte damit den Grundstein für das moderne / deutsche literarisch-politische Kabarett

„Der Blaue Engel“ feiert 1930 im Gloria-Palast um die Ecke Premiere. Marlene Dietrich wird zum Weltstar und verlässt Deutschland endgültig. Nur Ende des Jahres kehrt sie noch einmal zurück – und sitzt am 7. Januar 1931 in der Kantstraße 10 im Keller des Theaters des Westens bei der Eröffnung des Tingel-Tangel-Theaters. Das Kabarett wird von Friedrich Hollaender betrieben, der auch die Hits aus „Der Blaue Engel“ geschrieben hat, und so singt Marlene mit ihm am Klavier.

Im Publikum sitzt Trude Hesterberg. Es war Friedrich Hollaenders Onkel Gustav, der ihr als Direktor des Stern’schen Konservatoriums gegen den Willen ihres Vaters die Gesangsausbildung ermöglichte, da sie eng mit seiner Tochter Susanne befreundet war. Sie ist eine der Schauspielerinnen, die in „Der Blaue Engel“ hätten spielen sollen – doch die Wahl war auf Marlene gefallen.

Für Trude Hesterberg ist der Abend in der Kantstraße 10 eine Begegnung mit der Vergangenheit. Hier gründete sie zehn Jahre zuvor die Wilde Bühne, eins der ersten politisch-literarischen Kabaretts. Und das erste überhaupt, das von einer Frau betrieben wurde. Als das Kabarett 1921 eröffnet, tritt Kurt Gerron auf. Er wird später mit „Der Blaue Engel“ und „Die drei von der Tankstelle“ bekannt.

Gleich zu Beginn konnte sie einige der vielversprechendsten Künstler ihrer Zeit engagieren. Im Januar 1922 den jungen Dichter Brecht, der seine „Legende vom toten Soldaten“ vorträgt und damit einen Skandal auslöst.

1933 flieht Friedrich Hollaender nach Paris und von dort aus nach Hollywood. Trude Hesterberg tritt in die NSDAP ein und überlebt den Krieg unbeschadet. In der „Musenschaukel“ macht sie Kabarett, in dem nichts „Fremdes“ mehr stört.

Ihre Freundin Susanne Hollaender, deren Familie Trude ihren Erfolg verdankt, wird am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Kurt Gerron flieht nach Paris, dann nach Amsterdam, wird verhaftet und nach Theresienstadt gebracht, wo er den Propagandafilm „Theresienstadt“ für die Nazis drehen muss, bevor auch er ermordet wird. Bertolt Brecht und Walter Benjamin gehen ebenfalls nach Paris, und als Brecht die Stadt Richtung Dänemark wieder verlässt, schreibt Benjamin im Dezember ’33 an einen Freund, dass Paris nach Brechts Abreise eine tote Stadt für ihn sei.

Zur Mittagszeit sind die Bänke am Savignyplatz immer voll. Und jemand, der schon lange nicht mehr da ist, hat Notizen auf eine Ziegelsäule gelegt, damit andere sie lesen können.

Menschen schützen, nicht Grenzen #leavenoonebehind / Zuversicht / #blacklivesmatter

Grashina Gabelmann und Fabian Saul sind Chefredakteure des Flaneur Magazine, das sich in jeder Ausgabe einer Straße einer Hauptstadt dieser Welt widmet. www.flaneur-magazine.com

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.