Mittelalterliche Holzfigur eines Bischofs im Bode-Museum.                                                              
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BerlinDie Gedenkfeier „100 Jahre Kapp-Putsch und Generalstreik“ ist ausgefallen, und das aus zwingendem Grund: In der Stadt herrschten im März 2020 und 1920 Ausnahmezustand, Versammlungsverbot und Produktionsstillstand. Ebenfalls ist die Ausstellung „75 Jahre Berliner Schwarzmarkt“ storniert. 

Derweil wurde an Straßenecken heimlich gehandelt, allerdings dienten als allgemeine Tauschmittel nicht wie früher Zigarettenschachteln, sondern Klopapierrollen – eine späte Bestätigung von Freuds Analtheorie des Geldes.

Und anders als geplant, durften Bewohner im Westen wie im Osten der Stadt zum Jubiläum „30 Jahre Ende der DDR-Unfreiheit“ mit leeren Supermarktregalen und Ausreiseverboten ihre Erfahrung machen. „Es gibt wieder eine innerdeutsche Grenze“ titelte der Berliner Kurier mit klammheimlicher Freude. Und um gestrandete Touristen heimzufliegen, plante Heiko Maas eine Luftbrücke.

Der Shutdown als Krisen-Reenactment. Wir erleben Geschichte. Aller nagenden Angst vor Knappheit, Krankheit und Verderben zum Trotz, schwingt das Gefühl mit: Endlich passiert etwas, das wir unseren Enkelkindern erzählen werden können! Die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, und wir sind dabei! Die fabelhafte Welt der Pandemie! Mit etwas Glück werden wir noch „25 Jahre Corona-Krise“ als Event mitgestalten dürfen. Ob man dafür schon einen Förderantrag vorbereiten soll? Mindestens zwei Dutzend Schriftstellerinnen nutzten die Zeitleere, um Quarantäne-Tagebücher zu verfassen.

Wäre er noch am Leben, hätte mein ehemaliger Nachbar Otto Kuhl die ganze Chose gelassen genommen. „Kinder, dieses neue System, det ist nicht von Bestand“, pflegte er nach der Wende zu sagen. Otto hatte die sukzessiven Untergänge der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, des Nazi-Regimes und des Sozialismus auf deutschem Boden erlebt. Viel nachhaltiger kam ihm die vereinheitlichte Bundesrepublik auch nicht vor.

Als Altberliner Pflanze wusste er: Mögen die neu errichteten Abstraktionen aus Beton, Stahl und Glas solide aussehen, sie sind auf Sand gebaut. Märkischen Sand. Für den Spargelanbau günstig, Großprojekte aber sinken leicht mal weg. Es ist nun mal so: Interessant an Berlin waren immer die Brüche, die Zwischenzeiten, die Interregna. Dass nachher nichts sein werden soll wie vorher, erregt weder Furcht noch Hoffnung, geht man zumindest von Walter Benjamins Feststellung aus: „Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“

Neben Bordellen und (wie sie auf Amtsdeutsch heißen) „Tanzlustbarkeiten“ mussten auch die Kirchen schließen, und da die Gesamtlage sowieso mittelalterlich anmutet, sei an eine alte Episode der Stadtgeschichte erinnert. 1324 wurde über Berlin ein Kirchenbann verhängt, um die Einwohner für den Mord des Propstes von Bernau pauschal zu bestrafen. Die Glocken schwiegen, kein Gottesdienst fand statt, keine Taufe, keine Ehesegnung, kein Totengeleit.

Als zwei Jahrzehnte später der Bann aufgehoben wurde, hatten sich die Bewohner das kirchliche Ritual derart abgewöhnt, dass sie bei der Wiederaufnahme in lautes Lachen ausbrachen. Besonders die Jüngeren empfanden die ihnen noch nie begegneten Kulthandlungen als albern und sinnlos. Möge am Tag nach Corona eine ähnlich heitere Skepsis herrschen, wenn versucht wird, den Normalbetrieb wieder hochzufahren.

Guillaume Paoli, geboren in Korsika, lebt und arbeitet in Berlin als Philosoph und Zeitkritiker.

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.