Schlafstätte auf der Straße
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BerlinWenn alle drinnen sitzen, sitzt sie draußen. Und das, soweit ich mich erinnern kann, seit – ich kann nur ein Jahr ungefähr schätzen. Sie lebt auf der Greifswalder Straße in den freien Nischen verlassener Geschäfte. Die Straße ist lang. Die Winter sind warm, aber es sind immer noch Winter.

Sie hat sich, uns gegenüber, an der Straßenecke eingerichtet, ihren Haushalt dazu. Manchmal läßt sie ihn, im Einkaufswagen in Müllsäcke verpackt, zurück und hält sich anderswo auf. Wo, ist nicht zu sagen. Manchmal scheint sie nur verschwunden, dann liegt sie eingerollt zwischen Tüten und Säcken, die Einrichtung von einer blauen Plane überzogen. Manchmal wandert sie die Straße ab, sammelt Unrat vom Bürgersteig ein, und bringt ihn zum Papierkorb an der Ecke. Wenn der Papierkorb in der Fachsprache, wie Laterne, Pumpe und Parkautomat, das Stadtmöbel ist, muss sie die Bewohnerin sein, lebende Architektur.

Was macht sie? Sieht aus wie eine Plastik von Barlach, lebt wie eine Figurine von Gorki unberührbar unter uns. Sie will nichts, im Gegenteil, sie gibt. Aber was? Gibt sie Wechselgeld aus, Drogen? Sitzt als kritische Gegenwart auf der Schaufensterbank, wie arrangiert vor brüllenden Graffitis. Hockt über der Familie, von der die Stolpersteine Daten, Namen wissen. Tippt wie Lady Lazarus Nachrichten ins Telefon für Sylvia Plath. Manchmal spricht sie, lehnt an ihrem Wagen wie die Marketenderin von Brecht und handelt mit Passanten. Manchmal teilt sie Süßes aus an Kinder. Manchmal fragt sie nach der Zeit. Manchmal tanzt sie auf der Stelle, damit die Beine nicht einschlafen. Breitet die Schwingen des Kapuzenmantels aus, oft steht sie regungslos. Eine Nonne, ein Soldat, eine Krähe. Ein Mensch, der eine Stelle als Stadt bevorzugt und nur diese. Nie in der Sonne, immer im Schatten. Was macht sie? Sie lacht.

Und warum hier? „Warum nicht. Alex ist überbucht, da liegen sie im Dutzend. Die Bullen und die Krankenwagen, die Touristen, die Musik, die Randale, dauernd Alarm. Hier ist Ruhe.“ Der Berufsverkehr, die M4? „Bisschen was muss, soll ja nicht langweilig sein.“

Resistent gegen alles Gebundene

Walter Benjamins Passagen-Erkenntnis, dass es, solang es noch einen Bettler, auch einen Mythos geben wird, verkörpert sie. Sie ist der Komplementär zum Hauptstadtflaneur. Möglicherweise ist sie belesen. Möglicherweise ist sie kälteresistent. Resistent gegen Regen, Hunger, Mitleid, das Leben. Sie ist die rätselhafteste Figur der Großstadtpersonnage. Wie installiert dafür, dass wir uns ein Bild von ihr machen, das nur ein schiefes sein kann. Eine nur von Tausenden, von denen jede eine Stellung hält, die nicht dem Lokalkolorit dient, sondern tiefere Gründe hat, oft den der Resistenz gegen alles Gebundene. Wir müssen sie nicht verstehen, wir können nicht einmal Abhilfe schaffen. Sie lehnt sie ab.

Mobiles Wohnen, sagt sie selbst und ohne jede Bitterkeit. Vom Temperament scheint sie eine der ausgeglichensten aller Mütter zu sein. Die Stadt, deren Laufklientel beständig zunimmt, deren unberechenbarer, gestörter, verwirrter und hilfloser Teil beständig zunimmt, hat in ihr ein Gegenteil gefunden. Jung scheint sie zu sein, alt aber auch, zeitlos, wie zukünftige Legenden sind. Wenn sie auch keine Mutter leiblicher Kinder sein mag, ist sie die Mutter der Straße. Keine Heilige, aber die Aura. Und immer mehr, die vorbeigehen, täuschen die Berührung an, vielleicht bringt sie Glück, wenn nicht, vielleicht Resistenz.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.