Die Fahne der UdSSR auf dem Dach des Reichstags. Eine historische Ikone, aus der sich die Autorin aus großer Ferne ein Bild vom realen Berlin machte.
Foto: Picture Alliance

BerlinAlles, was ich als Kind über Berlin wusste, war die abgeflachte Vorstellung vom Sieg über die Faschisten, symbolisiert durch die Fahne der UdSSR über dem Reichstag. Meine Generation kam mit dem letzten Atemzug der Sowjetunion zu Welt, die Ideologie war noch stark, unser Stolz war der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, sein Triumph die Einnahme der deutschen Hauptstadt.

„Mascha, wir haben Berlin erreicht!“, las der Ansager mit rauer Stimme Jahr für Jahr aus den Briefen sowjetischer Soldaten während der Maifeiertage über die Lautsprecher unserer nicht ganz so großen Stadt. All unsere Vorstellungen über dieses „Berlin“ passten zu dem berühmten Schwarz-Weiß-Foto von einem Soldaten und besagter Flagge. Darüber hinaus gab es lediglich ein paar finstere Straßen aus sowjetischen Filmen, unangenehme Typen, die uns folterten und mit einem schrecklichen Akzent vortäuschten, Deutsch zu sprechen.

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter-Benjamin-Archiv.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung. 

Reduziert auf ein blasses, ideologisch gealtertes Symbol, hatte Berlin seine Charakteristika und urbane Dramaturgie offensichtlich eingebüßt. Dem besiegten Berlin fügte die Chronik des Krieges das Paradigma des absolut Bösen hinzu: Bücherverbrennung, Hitlerreden, Nazimärsche, Fackeln unterm Brandenburger Tor kamen so komplex über uns, dass wir Berlin als nur von Negativitäten überfrachtet verstehen konnten.

Wenn Berlin dann doch als Stadt der Gegenwart in den Nachrichten erschien, war es wenig mehr als theatralische Kulisse. Es lag wohl daran, dass die unverwechselbar europäische Architektur so komplett jenseits unserer Erfahrung lag. Sachalin, wo ich geboren wurde, kennt man in Deutschland nur durch Tschechow: Er hat ein Buch über unser gottverlassnes Inselland geschrieben und ist in Badenweiler bei Berlin gestorben. Ja, bei Berlin. Selbst Moskau ist näher an Berlin als meine Heimatstadt. Unsere Insel wurde mit hässlichen Chruschtschowkas vollgebaut, wie der gesamte Ferne Osten zwischen Jakutien und Japan. Dagegen sah Berlin nun wirklich zu kinematographisch aus.

Reale Filmstadt

Das Berlin-Bild unserer Kindheit stammt vornehmlich aus „17 Momente des Frühlings“ von Tatiana Lianozova. Die TV-Serie über den Kundschafter Stirlitz im Mai 1945 erinnert uns alle an Berlin, obwohl große Teile davon in Riga, Leningrad und Moskau gedreht wurden. Immerhin, wir lernten Pankow, das Stirlitz-Haus in der Heinrich-Mann-Straße, den Charité-Eingang Schumannstraße, die U-Bahn-Station Märkisches Museum und den Spreedamm kennen.

Diese Filmstadt war real. Menschen lebten darin, der Verkehr schien organisiert, die Straßen liefen zusammen und auseinander, nach einigen Gesetzen floss der Fluss wohl auch von irgendwo nach irgendwo, aber wir sahen nur das Schema, bei dem unklar blieb, wo Berlin in Riga, Leningrad oder sonstwas überging. Das war „Berlin“ für meine Generation, die in der Perestroika-Zeit gezeugt wurde, die vor allem, die am Rand der Sowjetunion aufwuchsen. Damals, vor Internet und Google Maps. Wir waren die letzten sowjetischen Kinder, wir blätterten im Atlas, sahen Schwarz-Weiß-Filme und glaubten an die Parolen. Wir fragten nicht, was sich hinter dem Damm verbirgt, auf dem unser Nationalheld Stirlitz steht und in der Uniform des Bösen für das Gute kämpft.

Irina Rastorgueva, Konzeptkünstlerin aus Sachalin lebt tatsächlich in Berlin und hat vor, hier zu bleiben.