Ach, Tegel. Es ist alles schon gesagt zu Tegel.
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BerlinBerlin ist eine hochfliegende Stadt. Nicht nur seiner oft verfehlten Ambitionen wegen, sondern auch in Betracht seiner aeronautischen Herkunft. Alle Flughäfen entstanden vor dem Hintergrund kriegsnotwendiger Nutzung. Sie waren Militärflugfelder. Aus der Sicht des Medientheoretikers Friedrich Kittler, der Popmusik als Missbrauch von Heeresgerät definiert hat, ließe sich leichthin sagen, Berlin, das ist der Missbrauch von Flughäfen.

Dass auch ziviles Fliegen vom Tod herkommt, daran erinnert mit Ausnahme des gestürzten Flugpioniers Otto Lilienthal, der für TXL mit seinem Namen bürgt, heute wenig. Auf dem Weg von Lilienthals Normalsegelapparat zum Airbus fielen mehr Maschinen feindlichem Abschuss zum Opfer als dem Absturz infolge menschlichen Versagens. Wobei wir auch den Luftkrieg als Folge menschlichen Versagens einordnen, keine Frage.

Berlin und menschliches Versagen, das ist ein weites Feld. Berlin und technisches Versagen sind, sagt ein beliebtes Aperçu, ein und dasselbe. Und da technisches Versagen zwangsläufig auf das menschliche zurückzuführen ist, schließt sich hier der Kreis.

Berlin und Flughäfen sind dagegen eine eher unabgeschlossene Sache. Und damit ist nicht nur das vor sich hin debakelnde Flugfeld in Brandenburg gemeint, das als Abfertigungsmaschine nicht auf die Beine kommt. Ganze sieben Flugplätze hat die Stadt bislang verbraucht; diese Glorreichen und ihre inkonsistente Geschichte sollen nun eingehen in das, was als BER seit Jahrzehnten annonciert ist.

Hier ein Epitaph für die Vorgänger: Johannisthal/Adlershof – 1909 von der Preußischen Eisenbahn-Brigade angelegt, war erster Testplatz für die Fliegertruppe; geschlossen 1952. Karlshorst/Biesdorf – Ausbildungsstandort für Soldaten der Luftbildfotografie; geschlossen 1919. Staaken – 1916 als Produktionsstätte für Militärluftschiffe eröffnet; geschlossen 1957. Gatow – 1935 von der Wehrmacht begründet, 1945 bis 1994 von der RAF betrieben. Tempelhof – wurde vom Exerzierfeld zum „Zentralflughafen Berlin“ als größtem der Welt, trug das flächengrößte Gebäude der Welt, wurde zum größten Luftbrückenkopf der Welt und, bevor die Superlative überhandnehmen konnten, stillgelegt 2008.

Dann Tegel: Ach, Tegel. Es ist alles schon gesagt zu Tegel, das als Raketentestgelände begann, als sechseckiges Avantgardebeispiel von einem Flughafen abhob und verschlissen wurde von einer verheerenden Verkehrspolitik. Nummer sieben: Schönefeld, im Lauf schlimmster Flugplätze unverdientermaßen ganz oben. Weniger bekannt dagegen ist Martin Heideggers berlinische Hochschulkarriere. Entworfen von Speer, sollte seine nationalsozialistische „Preußische Dozentenakademie“ in Schönefeld liegen. Dazu kam es nicht. Die verfüllten Fundamente ruhen seither unter den Startbahnen der Zukunft und sinken, allmählich, auf die Tiefen jenes Tunnels zu, den eine leere S-Bahn zwölfmal täglich durchfährt, um den Beton zu belüften.

Die populäre Unlust Berlins zu funktionieren hat ihren Grund vielleicht eben darin, im Traum vom Fliegen, dem Drang nach Höherem, dem die Potenz des Scheiterns im Ursprung eingeimpft ist. So gesehen lässt sich endlich mit Recht sagen: Die Stadt Berlin ist auf sieben Flughäfen gebaut.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.