Das Tacheles in einer Vision des Autors.
Abbildung: Sergei Tchoban

BerlinVor Kurzem wurde mir ein Buch über die Entwicklung des Berliner Stadtkerns geschenkt. „Mitte auf Augenhöhe“, erschienen im Lukas Verlag, vergleicht die Stadtperspektiven des 20. Jahrhunderts vor dem Krieg mit aktuellen Fotos. Es beginnt mit den Worten: „Stadtverlust ins Bild gerückt: die urbane Fülle der Vorkriegszeit und der heutige Mangel an Urbanität in der Mitte Berlins“.

Die Bilder im Vergleich erschrecken auf den ersten Blick. Die Fotos, die den heutigen Zustand zeigen, verwundern durch teilweise amorphe Stadträume und großmaßstäbliche Nachkriegsbauten. Auf den historischen Fotos sieht man dagegen die noch intakten Straßenzüge mit Hausansichten von nicht nur unterschiedlicher, sondern auch haptischer, gut alternder, materialhafter und liebevoll, mit vielen Details versehener Architektur. Trotz des fast fehlenden Grüns wirken die urbanen Straßenzüge nicht unmenschlich, sondern bieten mit ihren drei bis fünf Geschossen und Dachabschlüssen einen menschengerechten Maßstab. Die Rolle, die die heutigen „ikonischen“ Bauten einnehmen, kam damals den Spitzen der Kirchen und den Türmen öffentlicher Bauten zu.

Foto: Imago/Alexander Ryumin
Der Architekt

Sergei Tchoban, geboren 1962 in Leningrad, studierte im Repin-Institut Moskau Architektur. 1991 zog er nach Deutschland.

Er entwarf unter anderem das Cubix am Alexanderplatz, das Dom-Aquarée, die Mall of Berlin und das Museum für Architekturzeichnung. Zweimal kuratierte Tchoban den russischen Pavillion der Venedig-Biennale.

Dieses uns vertraute Bild der historischen europäischen Stadt ist nicht nur in Berlin, sondern in vielen anderen Städten Europas aus meiner Sicht unwiederbringlich verloren. Die Versuche, historische Grundrissstrukturen wiederzuentdecken und mit neuer Architektur zu füllen, überzeugen, wie die aktuellen Bilder zeigen, aus mehreren Gründen nicht ganz. Offensichtlich war es nicht möglich, die für diese Struktur eigene Höhe von drei bis fünf Geschossen regulatorisch zu halten. Häuser mit sieben bis acht niedrigen Geschossen haben die historischen Nachbarn, sofern es welche gab, erdrückt sowie durch deutlich geringere Geschosshöhe den neuen Häusern ein weniger großzügiges Fassadenbild gegeben.

Anfangs dem Erbe der Moderne geschuldet, später wegen geänderter Anforderungen an den Wärmeschutz, wegen schrumpfender Budgets und enorm gestiegener Grundstückspreise, die der Gestaltung nur einen engen Rahmen lassen, war es nicht möglich, detaillierte, ornamentierte, mit Tiefen und Haptik versehene Baukörper zu kreieren, die der Stadtgrundrisse, in die sie integriert werden sollten, würdig sind.

Die Weddinger Uferhallen
Abb. Sergei Tchoban

Ob wir es bemerkt haben oder nicht, Berlin ist eine echte Stadt der Kontraste geworden, in der jede Schicht der städtebaulichen und historischen Entwicklung faszinierende Spuren hinterlassen hat. Eine Stadt, in der die Bauten aus verschiedenen Zeiten regelrecht aufeinanderprallen und vielleicht prallen müssen. Es wird spannend, wenn ein höherer Bau mit Silhouette gegenüber einem längeren und niedrigeren Straßenzug steht, wo sich eine Kirche mit Betonkörper aus den Sechzigern neben einem klassizistischen Bau und gleichzeitig auch neben einer Platte aus den Achtzigern behauptet.

Wenn Gäste aus dem Ausland mich bitten, ihnen Bilder des echten Berlin zu zeigen, führe ich sie zum Kottbusser Tor, wo der soziale Wohnungsbau „Haifisch“ von Herbert Stranz aus den Siebzigern auf die Reste der historischen Quartiere stößt. Ich gehe mit ihnen zum Bikini-Haus und im Vergleich dazu zum Europa-Center, zur Gedächtniskirche und den neuen Hochhäusern am Breitscheidplatz oder zum Gleisdreieck. Da spürt man, dass die neu gewonnene Qualität Berlins trotz aller Versuche, die Stadt durch Höhenbegrenzungen und Gestaltungsvorgaben zu harmonisieren, im kontrastreichen Dialog der Höhen, der Breiten, der Spuren verschiedener Zeiten und Architektursprachen liegt.

Keine Angst vor Stadtkontrasten

Man sollte aufpassen, bevor man entscheidet, ein Gebäude abzureißen. Die Spuren der Zeiten sind für diese Stadt besonders wichtig. Abreißen sollte man nur, wenn dadurch eindeutige Vorteile für das Gemeinwohl, eine Ergänzung im Sinn der Vielschichtigkeit und vor allem Dauerhaftigkeit der neuen baulichen Substanz entstehen.

Mit Blick auf das Zukunftsmodell Berlin würde ich keine Angst vor Stadtkontrasten haben, sowohl in der Höhe der Bauten als auch in der Gestaltung. Die zeitgenössische Architektur kann sich aus Gründen des geerbten Minimalismus, geänderter Technologien und Handwerkermöglichkeiten sowieso nicht so unauffällig einfügen, wie von ihr häufig verlangt wird. Wäre es da nicht besser, die reizvollen Kontraste ans Tageslicht kommen zu lassen, die die neuesten, vor allem grünen Technologien und Materialien, sowie die eigenständigen, nicht uniformierten Sprachen zeigen?

Umspannwerk Marienburg
Abb.: Sergei Tchoban

Zum künftigen Bild von Berlin gehören für mich auch die Hochhäuser. Nicht die nur höheren Häuser, die geplant und manchmal auch gebaut werden, sondern richtige Hochhäuser, die Proportionen von fünf, sechs, sieben Breiten (und nicht zwei bis drei wie jetzt) in der Höhe aufweisen. Dann wäre aber die für die obengenannten, schlanken Proportionen spannende Höhe eher bei 200 m und sogar mehr zu sehen.

Die geschilderten Strukturen würden die kontrastreiche Vielschichtigkeit der Architektur, für die ich und viele andere diese Stadt lieben, stärken. Und sie müssen offen bleiben für die Mischung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten, für ökologische Materialien, mehr Grün und qualitativen Aufenthaltsraum für Fußgänger, insbesondere dort, wo höher gebaut wird als bisher.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.