Blattwedel eines Götterbaumes
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BerlinAls 1990 die großen Streifzüge durch Berlins Mitte begannen und man merkte, wie alles besichtigt wurde, um erobert zu werden, aber noch nicht aufgeräumt und verkauft war, da schoss er auf. Grünte aus allen Ritzen, aus Treppenstufen geschlossener Polikliniken, verlassenen Bauplätzen, hinterm Brecht-Denkmal am BE; ein kleiner Wald wuchs in der Oranienburger Straße Ecke Große Hamburger, in den Höfen der besetzten Häuser wedelte er grün und friedlich, schließlich war ja Frieden ausgerufen worden. Im Monbijoupark lagerten die Halbnackten der Welt und kannten ihn nicht, den wir Götterbaum nennen.

Ich dachte erst, was ist das: Deutsch-Germanisch? Unauslöschliche Esche? Nein, es ist nur ailanthus altissima, eine Ölbaumart aus Südostasien, Familie der oleaceae. Nach Europa wurde er gebracht im 18. Jahrhundert, von Gärtnern gezogen in England, in Frankreich, später im kälteren Berlin. Jetzt leuchten die Wedel wie der Ölzweig der Taube vom Berg Ararat über der Spree, neuerdings sogar im Winter.

In Nordamerika, da heißt er Ghetto Palm. Er wächst in verlassenen Industriestädten, neben anarchischer Armut und besitzloser Freiheit. Er ist ein Kolonist. Wo Kriege Schuttböden hinterlassen haben, schafft er neuen Humus. Er ist ein echter Kriegsgewinnler, den Gewinn haben wir. Er wuchs in Berlin in den Neunzigern schneller als jeder einheimische Baum, hunderte Meter weit flogen kleine Propeller von rotgoldenen Samenständen durch die Stadt. In Hinterhöfen, auf Altöl und Asche, in rauchiger Luft, auf kontaminierten Böden schoss er empor. Überall, wo die alternative Kulturszene sich ausbreitete, da fühlte er sich wohl, auffällige Koinzidenz.

Und heute? Ist er der Feind. Abgesägt, ausgegraben und ausgerissen, zubetoniert die Wurzelbrut. Aber es nützt nichts, er kommt wieder und wieder. Er begleitet siegreich die S-Bahnstrecken, er zieht die Großstadt vor, die Brachen und immer die Trümmer. In den Parks drängelt er auf die Rosenbeete. An Spielplatzrändern und an Parkwegen, erobert jede Stelle, an die die Bezirksämter für Straßenbau und Grünflächen nicht herankommen. Sie haben keine Leute, und Glyphosat geht gar nicht. Bringt auch nichts. In der Schweiz wurde der Immigrant mit der Hilfe von Immigranten bekämpft, so dass eine Journalistin 2016 ironisch schrieb: „Der Feind in meinem Beet.“ Der Götterbaum.

Größere Bäume erzeugen viel mehr Sauerstoff als kleine. Also lassen wir ein paar wachsen, dort, wo wir schnelles Grün brauchen, sie werden 25 Meter hoch! Auch Medizin kann man aus seinem Laub gewinnen. Er bietet Holz zum Möbelbau und große Blütenstände als Bienenweide, schafft Humus auf unfruchtbaren Böden, und die grobe Seide seines Seidenspinners könnte technische Textilien ersetzen. Nein, sagt das Grünflächenamt, wir werden Versuche mit subtropischen Pflanzen machen, ja, der Klimawandel, aber nicht mit dem, diesem Götterbaum, der nicht zu beherrschen ist und die Grundmauern aushebt, den eliminieren wir.

Und wenn es noch wärmer wird? Brauchen wir ihn dann doch? Wo er hier so gut gedeiht und so schöne Wedel hat und schlechte Luft und verdorbene Böden gut verträgt und gut aussieht? Klar brauchen wir ihn, nur wo? Bitte um Vorschläge.

Ricarda Bethke, geboren 1939, war Lehrerin in Berlin/DDR und ist Schriftstellerin.

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.