So offen geben sich Berliner Fenster eher selten.
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BerlinFenster, ich habe die Angewohnheit, auf Fenster zu starren. Ein Fenster scheint nur ein Detail zu sein, aber bekanntlich steckt der Teufel ja eben darin. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Russland verbracht, 33 Jahre, um genau zu sein. Im Anschluss drei Jahre in Moskau, und seit drei Monaten lebe ich nun in Berlin.

Bei meinem ersten Besuch hier war ich überrascht vom heftigen Unterschied in der Fensterkultur: Wie kann man so dermaßen unterschiedlich mit Fenstern und Balkonen umgehen? In den Moskauer Wohnvierteln, wie überhaupt in den meisten russischen Gebäuden, die zum Wohnen bestimmt und mehr oder weniger dafür geeignet sind, ist das Erdgeschoss niedrig und die Wohnungen darüber ragen wie ausgegriffene Taschen aus den Rahmen. Alles zum Zeigen, alles weit offen: „Seht her, von mir aus“ oder „scheißegal“. Dort lassen sich’s die Leute vernehmlich gut oder schlecht gehen, sie trennen sich, vertragen sich, definieren ihre Beziehungen neu.

Die Küchen hinter diesen Fenstern sind voll von Gerüchen, Geräuschen, Menschen und Dingen, die Räume stehen in einem grotesken Missverhältnis zum darin stattfindenden Leben, vor allem natürlich, weil sie so klein sind. Also drängt das Leben raus, viele Fenster sehen aus wie die geplatzten Nähte einer schlecht gestopften Wurst. So weit man in Russland in die Höhe baut, also bis zum 14. Stock etwa, sieht man typische Hausmauern mit typischen Fenstern, aus denen Haushaltskollisionen unterschiedlichen Kalibers bersten.

Berlin hat einen ganz anderen Rhythmus von Fenstern und Fassaden, den Menschen davor und dahinter. Die glatten Rippen der Berliner Fensterrahmen sind austauschbar, es fällt schwer, sich die Individualität der drinnen Lebenden vorzustellen. Dieser Mangel an persönlicher Note bei den eigenen Fenstern haut mich immer wieder um. Wohlgemerkt, wir sprechen hier über das Fenster nicht als architektonisches Element, sondern als kulturelles Phänomen.

Ich sehe mir oft die Fenster auf der gegenüber liegenden Straßenseite an, versuche, eine dahinter versteckte Geschichte zu entdecken. Wenn in Moskau die Fenster viel über die Bewohner erzählen, und die Balkons aussehen wie rausgehängte Wohnungen, dann halten sie in Berlin ihre Geheimnisse zurück. Das Leben hier ist nach innen gerichtet statt nach außen. Selbst Blumentöpfe auf dem Fensterbrett sind diskret bis versteckt angeordnet, in der Raumtiefe ahnt man Schränke oder Kücheneinbauten. Sonst gibt es nichts zu sehen. Die Möbel in den Wohnungen scheinen ausreichend Platz zu haben, sie schubsen sich nicht, ragen nicht raus, die Balkons hängen schweigend da und offenbaren nichts außer Sauberkeit.

Dafür werden in Berlin die Arbeitswelten offensiv zur Schau gestellt. Jeden Morgen fällt mein Blick auf ein vielräumiges, komplett transparent verglastes Büro. Jeden Morgen sehe ich sie, die da arbeiten, wie in Cinemascope. Klar, deutlich, steril hinter einem 15-Meter-Fenster. Leben ist Chaos, dort aber herrscht totale Ordnung. Dieses Haus, sagt mir mein Blick, ist ein totes Haus.

So funktioniert das in Russland nicht. Moskau tritt unruhig auf, übertrieben, sinnlich bis zur Vulgarität. Berlin hingegen geizt mit Dekor und Beleuchtung, mit schmachtenden Farben, grellen Zeichen. Es ist zurückhaltend wie seine Fenster, die in ihren gesichtslosen Rahmen das Leben vor dem Ansturm des Draußen bewahren. Bei uns in Moskau ist die Welt der Angestellten nicht für Einsichten gemacht. Berlin aber zeigt hinter Glas, wie in riesigen Ausstellungsvitrinen, seine blitzenden Rädchen.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

Modell Berlin ist ein medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung und wird geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz sowie das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.