Auf dem Parkfriedhof Neukölln ist noch Platz.
Foto: Clemensfranz/Wikipedia/CC BY-SA 4.0

BerlinFür eine Stadt, die den Tod in ihrer Mitte trägt, weiß Berlin wenig von der Trauer. Im öffentlichen Raum kommt sie allenfalls in routinierten Kranzablage-Ritualen. Für die Generation Ü60 steht Berlin noch immer für Krieg, Terror und Völkermord, es ist der Stadt bloß rabiat egal. Das gilt erst recht für das Abseits der großen Geschichte. Die Friedhöfe zwischen Neukölln und Wedding sind Parks, die sich mit Ehrengräbern für Geheimräte des 19. Jahrhunderts überbieten. Neue Grabstätten streuen sich unauffällig dazwischen, drängeln sich auf Urnenfeldern oder quetschen sich an die Friedhofsmauern. Berlin ist heute nur kaum kleiner als vor 100 Jahren, aber damals scheint raumgreifender gestorben worden zu sein.

Kaum vorstellbar, ein Begräbnis wie das von Helmut Schmidt Ende 2015 in Hamburg. „Eine Stadt steht Spalier“, titelte der NDR. Sowas machen wir hier einfach nicht. In Berlin wurde der Sarg von Richard von Weizsäcker kurz zuvor ohne großen Aufwand durch die Stadt gekurvt. Dabei war der Mann Jahrzehnte mit der Stadt verbunden, nicht nur als Regierender Bürgermeister. Für wen hätte Berlin heute sonst die Straßen säumen sollen, wie noch 1992 für Willy Brandt? Wer könnte heute die Stadtgemeinschaft so integrierend beeinflussen? Selbst der Anschlag vom Breitscheidtplatz konnte daran nichts ändern. Berlin lässt sich nicht vereinen, nicht einmal in Trauer. Gemeinschaftstümelei, die gegen das Andere gerichtet ist, zwanghaftes Zusammenstehen und Heldenverehrung hat die Stadt verlernt. Weil sie sich massiv verändert hat, in den letzten Jahrzehnten. Glücklicherweise

Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass niemand hier so richtig lebt. Klar, es gibt wenige Orte im deutschen Sprachraum, die besseres Leben erlauben. Aber wer wird denn gleich Wurzeln schlagen? Wer hier geboren wird, will irgendwann weg, wer von sonstwo kommt, will für immer bleiben und geht dann doch wieder. Berlin ist eine Stadt des Ankommens. Danach drängt sie dich sachte wieder hinaus. Berlin, offene Stadt. Die Wurzeln der Berliner greifen nur Berliner Luft. Die Gräber der Berliner liegen in Recklinghausen und Rabat.

Wo Berlin öffentlich trauert, in einem Kollektiv abseits des privaten Umfelds, bleibt die Trauer widerständisch. Das passt zum Nicht-ganz-hier-Sein bestens. Berlin instrumentalisiert seine Trauern, macht aus Toten Symbole, ohne dass sie, wie bei den rechtsextremen „Trauerkundgebungen“ von Chemnitz oder Kandel, ganz dahinter verschwinden.

Wut und stilles Gedenken

Die jährliche Liebknecht-Luxemburg-Demonstration der Linken im Gedenken an die Opfer des Bürgerkrieges 1918/19 ist weder Personenkult noch reine Folklore, sondern bewegt noch immer Menschen zu Kämpfen und zeigt heute mehr denn je die Richtungskämpfe der Bewegung. Das Aufstellen weißer Fahrräder an Orten, wo Fahrradfahrer starben, die dazugehörigen Trauerfahrten durch die Stadt sind gleichzeitig Ausdruck von Wut über verkehrsplanerische Ignoranz wie stilles Gedenken.

Vielleicht liegt in solchen Zügen ein Modell für eine Trauer, die verbindet, ohne damit nur immer zu das Bestehende betrauernd zu bejahen. Vielleicht wäre eine solche Trauer eine emotionale Basis, die Wurzeln erlaubt.

Steffen Greiner ist Co-Chefredakteur der Zeitschrift Die Epilog, kommt aus Saarbrücken und bleibt vorübergehend in Berlin.

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Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.