Neukölln, Schmelztiegel internationaler Kreativjugend, Riesenbrille im Haar, Rauschebart im Milchbubengesicht! Unter deutschsprachigen Milchbuben wird neuerdings das englische Adjektiv „nice“ deutsch konjugiert. Den Satz „Ich habe gestern ein voll nices Videokunstwerk gesehen“, hörte ich vorgestern bei Nahkauf vorm Obstregal, wenige Stunden bevor ich mich nach Friedrichshain ins Berghain begab, wo sich aufgrund des Auftritts der Neuköllner Schwedin Molly Nillson viele Neuköllner Kreativjugendliche tummelten.

Zunächst gab es den Auftritt eines Ein-Mann-Projekts namens Apostille, hinter dem sich der Glasgower Michael Kasparis verbirgt, bei welchem es sich laut gut informierten Neuköllner Glasgowern um jenen Michael handelt, der im Lied „Michael“ der Glasgower Indiepop-Gruppe Franz Ferdinand besungen wird. Er wickelte seinen Kopf in Mikrophonkabel ein und brüllte zu Früh-Industrial-Rhythmen schottische Kleinstadtnamen in einen Verzerrer hinein. Also keine sonderlich innovative Darbietung, aber dafür erstens angenehm an die Proto-Industrial-Gruppe Throbbing Gristle erinnernd und zweitens von organzerfetzend transzendentaler Lautstärke.

Hübsch verwehter Synthie-Pop

Den Jungkreativen im Publikum war das ein wenig unheimlich, man applaudierte eher verhalten. Heute drücken junge Menschen den klassischen Mittzwanziger-Mix aus wachsender Verbitterung und bleibender Unsicherheit auf eher abgeklärte Weise aus, so wie etwa Molly Nilsson, die dann auch einen deutlich leiseren Auftritt absolvierte.

Weißblondiert, dünn und groß, war Nilsson bis auf zwei Gastspiele einer Saxophonistin allein mit Mikrophon und Playback-Gerät auf der Bühne. Sie stellte ihr aktuelles, sechstes Album „Zenith“ vor; es enthält wie viele ihrer vorangegangenen Werke hübsch verwehte Synthesizer-Pop-Musik, deren Klangbild stark an das des existenzialistischen Crooners John Maus erinnert. Maus coverte einst auch ein Molly-Nilsson-Stück. Doch wo er eine seltsam spätromantische Wuchtigkeit zur Schau stellte, bleibt Nilsson kühl, was nicht bedeutet: gefühllos.

Vielmehr emulierte ihr beinah an die Tenorlage heranreichender Alt im Berghain eine teils durchaus berührende Melancholie, selbst wenn sie über Heiteres sang wie im neuen Stück „Bus 194 (All there is)“. In der Ansage zum Stück erzählte sie von einer nächtlichen Fahrt mit dem 194er Bus nach Neukölln, während der der Busfahrer sich verfuhr, dies aber keinem der Insassen etwas ausmachte. An anderer Stelle erklangen euphorisch-melancholische Rave-Synths, und im bezeichnend betitelten Stück „Lovers are Losers“ wehte ein verhallter UB40-Groove auf.

Der Klang des Abends glich dem Soundtrack zu einer wehmütigen Rückblicks-Sequenz in einem hippen Independent – Film. Die schönen Jahre in der Kreativjugend sind vorbei, jetzt steht Kreativität für Start-up-Neoliberalismus und Berufsdruck. Kein sehr nices Gefühl.