BerlinAls Mitte der 90er-Jahre bekannt wurde, dass Monika Maron sich als Mittdreißigerin aus Abenteuerlust hatte von der Stasi einspannen lassen, hielt ihr Verlag zu ihr. Das war zu einer Zeit, als das Meinungsklima so aufgeheizt war, dass viele andere Menschen aus dem Osten ihre Stellen verloren, wenn sich eine Verpflichtungserklärung von ihnen fand – egal, was sie weitergetragen hatten. Die zwei Berichte, die Monika Maron schrieb, stellte der Verlag sogar ins Internet. Damit war offensichtlich, wie vergleichsweise unerheblich das Vergehen der Autorin war.

Anderthalb Jahrzehnte später wird die Kündigung der weiteren Zusammenarbeit mit der Tatsache begründet, dass die Autorin einen Band mit gesammelten Essays und Reden bei einem Verlag veröffentlicht hat, der mit neurechten Kreisen eng verknüpft ist. Wiegt das schwer genug für einen Schnitt? Nicht der Inhalt, sondern allein der Ort der Publikation?

Monika Maron hat selbst in Interviews bezweifelt, dass der Reihentitel „Exil“ gut gewählt ist („ich bin nicht im Exil“). Sie hätte allerdings bei der freundschaftlich mit ihr verbundenen Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen darauf bestehen können, ihre Texte ohne dieses Wort auf dem Cover zu veröffentlichen.

Ihr bis jetzt lebenslanger Verlag S. Fischer konnte nach dem Nationalsozialismus und der gezielten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands nur wiederauferstehen, weil dessen zweiter Verleger Gottfried Bermann Fischer sich und die Rechte wichtiger Autoren ins Exil gerettet hatte und schließlich in die Bundesrepublik zurückkam. Dass es in einem Haus mit solcher Geschichte nicht für gute Laune sorgt, wenn unbehelligt hierzulande schreibende Autoren wie Monika Maron, Uwe Tellkamp und Jörg Bernig unter dem Sammelbegriff „Exil“ verlegt werden und damit auf das Gefühl anspielen, gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein, ist verständlich.

Außer Amazon und Hugendubel haben viele Buchhandlungen diese Titel nicht im Programm. Bestsellererfolge hatte Monika Maron aber einige bei S. Fischer, mit ihrem ersten Roman „Flugasche“ natürlich, mit „Animal triste“, mit „Ach Glück“ und den „Endmoränen“. Das sind alles Bücher, die sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auf Tatsachen beschäftigen, dem Blick auf die Umwelt, auf die Lebensverhältnisse im Osten und im Westen Deutschlands, auf das Älterwerden von Frauen. Sich anderes Denken, andere Gefühle, andere Erfahrungen vorzustellen, ist eine grundlegende Arbeit von Schriftstellern. In ihrem Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ wird es der Erzählerin unbehaglich angesichts der Flüchtlinge in Berlin, im Roman „Artur Lanz“, im August noch bei S. Fischer erschienen, ist die Erzählerin erleichtert, nachts auf der Straße einen hellhäutigen Mann hinter sich zu sehen.

Darauf in Interviews angesprochen, hat Monika Maron nicht abgestritten, solche Sorgen zu teilen. Schon lange kritisiert sie, dass eine tolerante Politik dem Islam gegenüber eine islamistische Bedrohung übersehe. Einige Jahre unterhielt sie zusammen mit der Soziologin Necla Kelek einen Gesprächskreis zu diesem Thema. Gespräch ist hier ein entscheidendes Stichwort: In „Artur Lanz“ wirft sich der Mann mit dem heldenhaften Namen für einen Kollegen in die Bresche, dessen Ansichten er nicht teilt. In der Abwandlung einer Sentenz von Voltaire wolle er alles dafür geben, dass der seine Meinung aussprechen dürfe.

In der Pressemitteilung des S. Fischer Verlags ist von einem „intensiven Austausch“ zwischen der Verlegerischen Geschäftsführerin und Maron die Rede – dessen Inhalt allerdings nicht bekannt wurde. Kein Verlag ist verpflichtet, lebenslang an seinen Autoren festzuhalten. Doch handelt es sich hier um eine über Jahrzehnte auffällige, eigenständige Stimme in der deutschsprachigen Literatur. Unglücklich und unsouverän wirkt der Vorgang, wenn er nur mit dem Ausflug zu diesem anderen Verlag erklärt wird, ohne die Argumente dahinter zu benennen. Die Rolle Susanne Dagens und ihres Netzwerks wird gestärkt, wenn man nicht offen ausspricht, warum der Zusammenhang mit dem rechtsextremen Antaios-Verlag die weitere Zusammenarbeit stoppte.

Es ist besser zu streiten, als zu schweigen. Die Affäre ist so gesehen nicht allein die Angelegenheit von Monika Maron und ihrem Verlag. Für die argumentative Auseinandersetzung in einer immer antagonistischer und dabei sprachloser werdenden Gesellschaft braucht es eine Stimme wie die der Monika Maron.