„Mir kam es plötzlich genauso phantastisch wie ihm vor, dass ich aus Europa nach Mexiko verschlagen war“, schreibt Anna Seghers in ihrer Erzählung „Ausflug der toten Mädchen“, zuerst 1946 in New York veröffentlicht. Die Erzählerin blickt sich um im Dorf, das „festungsartig von Orgelkakteen umgeben“ ist, die Berghänge dahinter wirken wie ein Mondgebirge, am Rand einer öden Schlucht sieht sie zwei Pfefferbäume, die eher zu brennen als zu blühen scheinen. Sie ist sicher hier, doch: „Um Rettung genannt zu werden, dafür war die Zuflucht in diesem Land zu fragwürdig und zu ungewiss.“

Die Exiljahre der Schriftstellerin Anna Seghers in Mexiko gehören zu den aufregendsten in ihrer Biografie. Und das nicht nur, weil der natürliche Kontrast zum Leben in ihrer Heimatstadt Mainz und ihrem späteren Wohnort Ost-Berlin größer kaum sein könnte. Sie ist 40 Jahre alt, da sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern (zwölf und 14 Jahre alt) in Mexiko ankommt, ist eine anerkannte Autorin. Als Jüdin und Kommunistin doppelt gefährdet, war sie 1933 nach Frankreich emigriert, dort konnte die Familie nach der deutschen Besetzung nicht mehr bleiben. In den USA – auf Ellis Island – scheitert der Einreiseversuch. Erst als sie in Mexiko lebt, werden ihre beiden Hauptwerke, die bis heute vor allem ihren Ruhm als Schriftstellerin ausmachen, erscheinen: „Das siebte Kreuz“ und „Transit“. Und dazwischen fällt ein Schock: Nach einem Verkehrsunfall im Juni 1943 liegt sie tagelang im Koma, gewinnt aber ihr Leben und ihre Sprache zurück.

Nun gilt es, zwei Bücher über jene fünfeinhalb Jahre zu betrachten. Monika Melchert spielt mit dem Titel „Im Schutz von Adler und Schlange“ auf das Wappen des lateinamerikanischen Staates an, der während des Nationalsozialismus etwa 3000 deutschsprachige Flüchtlinge aufnahm. Der Titel des Buchs von Volker Weidermann „Brennendes Licht“ deutet auf den geografischen Kontrast zu Anna Seghers’ Herkunftsland. Das Zusammentreffen der beiden um die 180 Seiten dicken, mit einigen Fotos versehenen Bände jetzt ist für die jeweiligen Verlage ungünstig, denn natürlich machen sie sich Konkurrenz. Was haben die Leser davon?

Anna Seghers in Mexiko an ihrem Arbeitstisch auf der Terrasse der Avenida Industria 215 in Mexiko-Stadt.
Foto Anne Radvanyi

Es ist die Frage, welchen Anspruch man an ein solches Buch stellt. Monika Melchert, langjährige Leiterin des Anna-Seghers-Museums in Berlin, veröffentlichte bereits ein Buch über die Pariser Jahre der Autorin („Wilde und zarte Träume“) und über deren Rückkehr nach Deutschland („Heimkehr in ein kaltes Land“). Mit ihrer Werkkenntnis ist sie dem Journalisten Volker Weidermann gegenüber unbedingt im Vorteil. Allerdings hat auch er Bücher geschrieben, die thematisch nicht sehr weit weg liegen. Sie wurden, wie der Klappentext prahlt, „große Bestseller“: „Ostende, 1936: Sommer der Freundschaft“ und „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“.

Volker Weidermann interessiert sich für die Atmosphäre

Monika Melchert zeichnet die Zeit mit Akribie nach, beschreibt nicht nur die Wohnorte in Mexiko, den Freundeskreis mit Lenka Reinerová, Steffie Spira, Bodo Uhse, Egon Erwin Kisch und seiner Frau Gisl, sie informiert auch genau über die schriftstellerische Arbeit. Dabei dringt sie bis in die Bedingungen der Produktion vom Arbeitszimmer, wo der Exil-Roman „Transit“ zu seinem Ende kommt, bis zu den Vertriebswegen vor. Sie schreibt, wie Seghers auf das Honorar für „Das siebte Kreuz“ wartet, den Roman einer Flucht aus dem Konzentrationslager, dessen Manuskript sie beim Zwischenstopp in den USA ihrem Literaturagenten übergeben hatte. Nach einem halben Jahr sind bereits 420.000 Exemplare verkauft. In Mexiko erscheint das Buch bei El Libro Libre; den Exil-Verlag leitet Walter Janka, der spätere Chef des Aufbau-Verlags.

Volker Weidermann interessiert sich mehr für die Atmosphäre des Lebens und Arbeitens unter dem anderen Licht, wo der Richtungsstreit zwischen den kommunistischen Emigranten zeitweise verblasst, wo die später als streng und prinzipienfest geltende Autorin und Funktionärin offen für alle Eindrücke ist. Beim Interpretieren unterlaufen ihm kleine Fehler, etwa wenn er ein Foto beschreibt, das in beiden Büchern enthalten ist. Es entstand kurz nach Anna Seghers’ Unfall im Krankenhaus. Weidermann schreibt: „Sie trägt ein gemustertes Nachthemd, traurig, abwesend, schutzsuchend.“ Zwei Seiten später ist Anna Seghers allein zu sehen, in einer anderen Stadt, genauso gekleidet. Ist sie im Nachthemd draußen?

Vergleichen lässt sich die Vorgehensweise beider Autoren gut im Zusammenhang mit dem Maler Diego Rivera. Laut Monika Melchert besucht Anna Seghers ihn in der Museumspyramide von Anahuacalli 1946, bei Weidermann ist es, „vielleicht 1944“. „Dieser Mann war für Anna Seghers Mexiko“, schreibt er über Rivera. Laut Melchert ist Seghers überhaupt von den mexikanischen Wandmalern fasziniert, also auch von Orozco und Siqueiros, schrieb darüber später den Essay „Die gemalte Zeit“. Weidermann konzentriert sich bald auf Riveras berühmte Frau, „unmöglich, dass Anna Seghers Frida Kahlo in ihren Mexiko-Jahren nicht begegnet ist“, notiert er, kurz danach: „Unmöglich, dass sie ihre Kunst nicht wahrgenommen hat“, er findet es „undenkbar“, dass Anna Seghers Frida Kahlos Haus nicht kannte. „Undenkbar auch, dass sie Frida Kahlos Kunst nicht kannte.“ Er benutzt Rivera und Kahlo als schillernde Figuren in seinem Text. Monika Melchert weiß zwar auch nicht, ob Seghers, die kein Tagebuch geführt hat, je in Kahlos berühmtem blauem Haus gewesen ist. Ihre Behauptung, „auf jeden Fall haben sich die beiden Frauen gekannt“, belegt sie mit einem Brief Diego Riveras von 1952, in dem er „um Hilfe bei der Beschaffung von Medikamenten für Frida“ bittet.

Melchert geht in die Tiefe und hat einen besonderen Blick für die Frauen im Exil, sucht herauszuarbeiten, wie sich Eindrücke bei Seghers festsetzten und wie die Emigranten sich untereinander beobachteten. Weidermann füllt viele Leerstellen in seinem Buch mit Begeisterung. Er erklärt in seinem schönen Nachwort, das Seghers’ Rolle in der DDR gerecht zu fassen sucht, wie wenig Spuren sie selbst in Mexiko hinterlassen hat. Die Spuren des Landes in ihrem Werk kennt er. Sein von Wiederholungen geprägtes Erzählprinzip ermüdet allerdings. Kurz vor Ende des Exils wird Anna Seghers’ enger Freund Egon Erwin Kisch 60, was er so einleitet: „Der Welt-Kisch. Der Rasende, der Reporter, der Abenteurer, der Menschen-Magnet, der Kinderfreund, der Raucher, der Weltkenner.“ In beiden Büchern endet die Mexiko-Zeit fast damit, wie die Gemeinschaft der Exil-Schriftsteller zwei Tage nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands Kisch zu Ehren ein Stück aufführt. Eine „Gaudi“ laut Melchert, für Weidermann solch ein „Triumph“, dass er das Wort auf einer Seite vier Mal verwendet.

Am 19. November vor 120 Jahren wurde Anna Seghers geboren. Ihre langjährigen Leser werden bei Monika Melchert noch Neues erfahren. Volker Weidermann versteht es vielleicht, neue Leser für sie zu finden.

Monika Melchert: Im Schutz von Ader und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Quintus, Berlin 2020. 200 S., 20 Euro.
Volker Weidermann: Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko. Berlin 2020. 186 S., 18 Euro