Die Liebe? Hör mir auf damit! So heißt es einmal. Dabei geht es in dem Buch der Schweizer Autorin Monique Schwitter um nichts anderes. „Die Liebe sucht man sich nicht aus, mein Herz.“ Das ist der Satz, den die Protagonistin von ihrer Großmutter auf den Lebensweg mitgegeben bekommt. Ist das so? Was ist das überhaupt, die Liebe? Wieso kann sie kommen und gehen? Wohin geht sie, wenn sie geht? Das sind die Fragen, die hier gestellt werden.

Eine Frau sitzt abends vor ihrem Laptop. Die Kinder schlafen, der Mann sitzt im Nebenzimmer, ebenfalls vor einem Bildschirm, ein vertrautes Bild. Sie, Anfang 40, Stirnfalte, googelt ihre erste Liebe. Wer von uns in diesem Alter, in dieser Lage, hat das nicht auch schon einmal gemacht? Die Liebe in den Zeiten des Internets. Nicht jeder aber erfährt dabei einen Schock: Petrus hat sich vor ein paar Jahren umgebracht. Diese Nachricht setzt einen Erinnerungsreigen in Gang.

Die zwölf Kapitel tragen Männernamen: Außer Petrus sind da Andreas, zwei Jakobs, Nathanael und so weiter. Es sind dies die Namen der zwölf Apostel, aber bei Schwitter sind es nur elf. Judas fehlt. Stattdessen ist das zwölfte Kapitel einem gewissen „Du“ gewidmet. Es handelt sich um Philipp, den Vater der Kinder, wie man später herausfindet, der aktuelle Mann. Der, bei dem sie bleiben will, auch wenn man nicht erfährt, warum. Die andern zehn sind die Verflossenen unserer Heldin. Durch die Untertitel zu den einzelnen Kapiteln wird klar, dass Monique Schwitter Zeitschienen miteinander verflochten und übereinander gelegt hat, dass sie vor und wieder zurückspringt. Und dann das viele Personal. Uff. Man stellt sich vor, wie die Autorin mit einer großen Zettelwand und einem Kalender dieses komplexe Bauwerk für sich beherrschbar gemacht hat. Doch beim Lesen wirkt es dann überraschend unangestrengt.

Als Monique Schwitter dieses Jahr beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einen Auszug aus „Eins im Andern“ vortrug, wurde dieser durchaus euphorisch diskutiert. Der Bachmann Juror Klaus Kastberger erschuf dafür den Begriff „Bonsai-Barock“. Er spielte wohl auf das Überladene, Wuchernde in dem Text an, in dem die Protagonistin mit ihrem Freund Nathanael nach dem Grab seiner Mutter sucht. Sie irren auf einem dieser neumodischen Friedhöfe herum, auf denen nur noch ein Namensschildchen an einem Baum – hier ist es eine Esche – auf den Ort hinweisen. Man erfährt, dass es sich um ein Partnergrab handelt, es aber erweiterbar auf bis zu acht Personen ist. Wenn das nicht ideal für heutige Patchworkfamilien ist. Nur, möchte die verlassene Ehefrau wirklich neben der neuen Freundin ihres Ex’ liegen? Das sind Fragen, die auch Menschen beschäftigen, die nicht an das ewige Leben glauben, muss man zugeben. Lustig ist das, ironisch, traurig, aber eben auch ein wenig konstruiert, wie so vieles in diesem Text, mit dem man wohl aus diesem Grund nicht so recht warm wird.

Es gibt Stellen, die einen elektrisieren, etwa wenn sich eine totgeglaubte Ratte in die Unterlippe eines der Brüder des ersten Freundes verbeißt, oder die Protagonistin einem Restaurant einen ihrer Ex-Männer beobachtet, wie er mit einer viel jüngeren Frau flirtet. Vor allem aber, wenn sie vom Tod ihres Bruders erzählt. Das ist nicht banal, wie manches andere.

Monique Schwitter ist stilsicher, deshalb fallen die Ausrutscher mehr ins Gewicht. Warum muss sie etwas schauderbar finden (im Gegensatz zu wunderbar), von einem Scheinpaar sprechen, wenn sie mit dem schwulen Freund unterwegs ist?

Im Buch steckt einiges Autobiografisches. Wie ihre Protagonistin kommt auch Schwitter aus Zürich, sie hat Regie studiert und war an mehreren Theatern engagiert, bevor sie zum Schreiben fand. Die fiktive Autorin hat eine Ehekrise zu überwinden, sie therapiert sich mit Hilfe des Schreibens. Tut das etwa auch die Autorin? Man hat dieses ungute Gefühl.