Körper und Natur: Szene aus dem Film „Monos“.
Foto: Sztela Cine

BerlinEs beginnt auf einem Plateau hoch oben in den Wolken. Ein Haufen Jugendlicher spielt Fussball mit verbundenen Augen. Ohnedies ist die Sicht hier oftmals schlecht, wegen des Nebels. Es ist unwirtlich und der Wind pfeift. Eine nahezu baumlose, ruppige Landschaft voller Moos und Flechten, in der die riesenhaften Trümmer einer ausladenden Ruine, möglicherweise eines Bunkers herumliegen. Wer hat ihn wann gebaut? Wieso hier oben? Wo doch hier oben weit und breit nichts ist? Und überhaupt, was macht diese Gruppe junger Leute in dieser gottverlassenen Gegend?

Manche Fragen werden gleich beantwortet, andere bleiben bis zum Ende offen. Ort und Zeitpunkt der Handlung beispielsweise sind mit „Lateinamerika, Gegenwart“ ebenso knapp wie diffus umrissen; allerdings eröffnet diese Freiheit von raumzeitlichen Koordinaten dem Film auch den Freiraum allegorischer Bedeutung.

Konkret verhält es sich so: Die Teenager bilden die paramilitärische Einheit Monos, die im Auftrag einer ominösen Rebellen-Organisation eine US-amerikanische Geisel bewacht. Die Handlung vollzieht sich in einem Wechsel von disziplinierter Aggression und disziplinarischem Zerfall, der den Aggregatzuständen pubertierender Jugendlicher folgt. Als nach einem nicht weiter erklärten Angriff auf ihre Stellung die Monos sich dazu gezwungen sehen, mit ihrer Geisel in den Dschungel zu fliehen, spitzen sich die Dinge zu.

„Monos“ von Alejandro Landes ist vor dem Hintergrund der langjährigen, bürgerkriegsähnlichen Konflikte in Kolumbien zu sehen, dessen Frontverläufe so unübersichtlich sind wie die beteiligten Parteien zahlreich. Erst mit dem Waffenstillstandsabkommen zwischen der FARC, der einflussreichsten der Guerrilla-Gruppen, und der Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos kam ein Friedensprozeß in Gang.

Fakt ist, dass es die niederen Ränge und damit die jüngsten Mitglieder von Rebellengruppen sind, die mit der Aufgabe betraut werden, Geiseln respektive Kriegsgefangene zu bewachen. „Monos“ schildert also zum einen die Funktionalisierung der Jugend, die in kriegerischen Zuständen aufgewachsen und von diesen geprägt worden ist. Und zum anderen stellt er die anschauliche Umsetzung dessen dar, wofür Carl von Clausewitz den Begriff „Nebel des Krieges“ geprägt hat, womit „die Unsicherheit und Unvollständigkeit des kriegswichtigen Wissens“ gemeint ist.

Die Körper und die Natur werden dabei als wesentliche Elemente eines Kräftemessens um Leben und Tod gezeigt. Die Schönheit der Prospekte, in denen Landes seinen Film in Szene setzt, steht daher nicht im Widerspruch zur Schmerzlichkeit des Geschehens. Vielmehr transzendiert der Gestus des Erhabenen, der sich in Bildern quasi zweckfreier Schönheit realisiert, die Qual eines zunehmenden Moral- und Werteverlustes. Die Monos sind die Opfer einer grausamen Struktur, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihn setzte der Film ein Denkmal.

Monos Argentinien/DK/D/Kolumbien/NL/S/USA 2019. Regie: Alejandro Landes, Drehbuch: Alejandro Landes, Alexis Dos Santos, Darsteller: Sofía Buenaventura, Julianne Nicholson, Moises Arías u.a., 102 Min., Farbe