Diese eine Szene geht besonders unter die Haut: Eine junge Mutter, die ihren autistischen Sohn allein großzieht, steht im Keller zwischen zwei Regalen, links und rechts stapeln sich Vorräte: Konserven, Nudeln, Zucker, Klopapier, Kaffee. Wie viele Pakete Kaffee hast du denn hier gelagert, hört man die Stimme der Erzählerin. „80 Pakete müssten es schon sein“, antwortet die junge Frau. Sie lagere die Sachen für den Notfall, eine mögliche Katastrophe, einen Bürgerkrieg.

An dieser Stelle wird im Kino oft gelacht, sagt die Filmemacherin Sabine Michel. Als zeige die Szene etwas besonders Lächerliches. Wenn man im Osten groß geworden ist, kennt man dieses Lachen, und das Überlegenheitsgefühl, das dabei mitschwingt. Es ist ein Lachen derjenigen, die das Glück hatten, in einem anderen System gelebt zu haben. Es ist nicht neu. Man hat es vielleicht zum ersten Mal nach der Wende gehört. Und schon damals machte man sich damit darüber lustig, wie wild die Ostler Bananen einkaufen und Sex-Kinos besuchen.

Ostler kaufen Supermarkt leer, lautete sinngemäß eine Schlagzeile im Spiegel im Jahr 1990. „Als die Ostdeutschen in Westberlin die Geschäfte stürmten, blickte man konsterniert auf ihre katastrophale Bekleidung und die Tüten voller Bananen. Uns begann ihr kollektiver Hunger nach Materiellem zu ärgern, die fehlende Zurückhaltung, ihr mangelnde Stil. Offenbar waren sie der Freiheit, die wir für sie geschaffen hatten, der reinen abstrakten Freiheit, nicht gewachsen“, schreibt die Schriftstellerin Annie Ernaux.

Nichts wurde weggeworfen

Ich habe bei der Szene im Keller nicht gelacht. Ich habe etwas wiedererkannt, etwas, was ich fast vergessen hatte. In der DDR sahen fast alle Keller so aus. Auch in meiner Familie wurden Konserven und Einweckgläser gehortet. Den ganzen Sommer über wurden Vorräte für den Winter angelegt, meine Mutter machte alles ein, was man einwecken konnte, Kirschen, Kürbisse, Bohnen, Gurken, Wurst. Das hatte mit der Versorgungssituation in der DDR zu tun, aber auch mit einer tiefer sitzenden Angst. Das Leben fühlte sich oberflächlich wie Frieden an, aber es herrschte Kalter Krieg. Es fuhren Panzer herum, und die Erinnerungen an den letzten Krieg waren frisch.

Meine Großeltern haben große Not und Verluste erlebt, meine Eltern wurden in den frühen 50er-Jahren geboren, als es noch Rationierungen gab. Auch später durfte Brot nicht weggeworfen werden. Bei Familienfeiern drehten sich die Gespräche immer ums Essen. Bis heute wirkt sich das aus. Ich habe auch eine Neigung dazu, in der Speisekammer Vorräte zu horten. Wie die junge Frau in Sabine Michels Film.

Was steckt dahinter? 

Als ich den Film „Montags in Dresden“ sah, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass diese Neigung zu Hamstereinkäufen auch etwas mit der Verlusterfahrung zu tun haben kann, die meine Familie und ich gemacht haben. Seit der Wende trage ich dieses Gefühl mit mir herum, dass nichts von Dauer ist, dass die Welt von einem Moment auf den anderen Kopf stehen kann. Es geht nicht weg, es wird mit den Jahren sogar noch schlimmer. Wenn die EU morgen weg wäre, es würde mich nicht wundern. Aus so einer Erfahrung kann man viel Kraft und Mut schöpfen, man kann aber auch verletzlich und ängstlich werden. Angst davor bekommen, keinen Platz mehr zu finden, vom Tempo überrollt zu werden, nicht gesehen und gehört zu werden. Diese beiden Seiten sind Teile der ostdeutschen DNS, sie gehören zusammen, man kann sie nicht ohne einander denken.

„Montags in Dresden“, der nicht regulär im Kino läuft, sondern nur zu ausgewählten Terminen, wurde viel kritisiert. Der Filmemacherin Sabine Michel, die für ihre Doku drei Jahre lang Pegida-Anhänger begleitet hat, wurde vorgeworfen, dass sie zu naiv herangeht, dass sie Rassisten eine Plattform gibt. Aber Sabine Michel hat keinen politischen, sondern einen eher psychologischen Ansatz, sie will niemanden übertrumpfen, sie will nicht Recht haben, sie will wissen, was ihre Protagonisten im Innersten antreibt. Sie hat einen Film über die Wut gemacht, die seit vielen Jahren gärt und sich seit 2014 öffentlich zeigt. Was steckt dahinter? Was sind die wahren Ursachen?

Wut kann süchtig machen

Sie kommt ihren Protagonisten dabei sehr nahe, manchmal so nahe, dass es schwer auszuhalten ist. In einer weiteren Szene sitzt der Pegida-Mitbegründer René Jahn, 52 Jahre, Hausmeister, im Badezimmer auf dem Boden. Jahn hat für Pegida viel riskiert, er verlor seinen Job, Freunde, sein Haus wurde beschmiert. Er macht weiter, im Moment gehört er zu der Gruppe, die in Dresden vor dem Kulturpalast ein Trojanisches Pferd aus Plastik gestellt hat, aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik.

Im Film sprüht er Reinigungsmittel auf die verschmutzte Wanne und regt sich auf, als der Dreck nicht so schnell weggeht wie vom Werbetext versprochen. „Die Industrie verarscht mich schon wieder“, murmelt er. Wer im Westen mit Werbung groß geworden ist, findet das vielleicht lächerlich. Mir fielen allerdings sofort zwei, drei Ostler im Umkreis ein, die sich über solche „Verarsche“ auch aufregen können. Natürlich geht es nicht um Putzmittel. Das ist nur der Ausdruck einer Bitternis darüber, dass der Westen doch nicht so golden ist, wie man lange denken wollte. Ein Onkel von mir wählt nicht AfD, er läuft nicht bei Pegida mit, aber er schreibt jede Woche Wut-Briefe an Firmen, von deren Produkten er enttäuscht ist. Dieses Briefeschreiben gibt ihm ein Gefühl von Kontrolle.

Es ist den neuen Rechten gelungen, die Enttäuschung, die Heimatlosigkeit, die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die metaphysische Obdachlosigkeit, wie die Politikwissenschaftlerin Tanja Bürgel es nannte, aufzugreifen und Begriffe zu besetzen. Wie erfolgreich sie dabei sind, erkennt man daran, dass Deutschland nun ein Heimatministerium hat. Die Protagonisten von „Montags in Dresden“ gehen weiter auf die Straße. Wut kann süchtig machen.

„Montags in Dresden“ ist am 19. Juni um 20 Uhr im Kino Krokodil zu sehen, am 20. Juni im Lichtblick-Kino und am 4. Juli in der Stasizentrale, Campus für Demokratie, Haus 22. Die Regisseurin wird bei allen drei Vorstellungen anwesend sein.

Weitere Termine: www.solofilmproduktion.de /blog/montagsindresden