Billy Corgan, einzig verbliebenes Gründungsmitglied der Smashing Pumpkins, versteckt seinen glatt rasierten Kopf anfangs noch unter der Kapuze seines Pullis, als er uns in einem Hotel in Berlin-Mitte gegenübersitzt. Dafür zeigt sich der oftmals als exzentrisch und schwierig beschriebene Sänger in bester Plauderlaune. In den Neunzigern gehörte seine in Chicago gegründete Band mit mehr als 30 Millionen verkaufen Alben zu den wichtigsten Vertretern des Alternative Rock und prägte eine ganze Generation.

Mit „Monuments To An Elegy“ veröffentlicht Corgan am nächsten Freitag in veränderter Bandbesetzung ein neues Album, das wie eine Hommage an die unterschiedlichen Phasen der Smashing Pumpkins anmutet und die Bandbreite von harten Gitarrenriffs bis Elektronika abdeckt. Am Sonntag wird er das Werk bei einem Clubkonzert im Berliner Kesselhaus vorab vorstellen. Warum er sich das antut, weiß er selbst nicht so genau.

Mr. Corgan, es ist noch gar nicht lange her, da haben Sie angekündigt, statt Alben nur noch Singles herausbringen zu wollen.

Und nun ist es doch wieder in Album geworden! Dabei halte ich das Format eigentlich für überholt. „Thriller“ von Michael Jackson hat allein damals 24 Millionen Exemplare verkauft. Wird es jemals wieder so sein? Nicht mal ansatzweise! In jedem anderen Business würde man sich dem veränderten Konsumverhalten im Markt anpassen. Aber was Musik betrifft, wird weiter an dem sinkenden Schiff festgehalten.

Aber Sie machen doch auch einfach weiter wie bisher!

Es gab Zeiten, da habe ich gegen alles und jeden gestänkert. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass es nicht wert ist, denn die Ideale sind verloren gegangen. Ich kann also zu Hause auf dem Sofa sitzen bleiben oder sagen: Ich gehe zur Party und habe eine gute Zeit.

Haben Sie gerade eine gute Zeit?

Ich hätte noch mehr Spaß, wenn Rockstars endlich wieder ein Konkurrenzdenken entwickeln würden. Wenn du in den späten Achtzigern, noch bevor Grunge passierte, Popkünstler wie Janet Jackson bei MTV gesehen hast, dann dachtest du als Musiker einer Rock’n’Roll-Band: Hau ab aus meinem Fernseher! Ihr verschwendet meine Zeit mit Popmusik. Aber ich will Jane’s Addiction hören und die Bands unserer Generation! Um diese Art von Rebellion sollte es im Rock gehen.

Und die gibt es nicht mehr?

Heutzutage sind alle Rockstars mit Popstars befreundet – wo soll da die Rebellion herkommen? Es ist sogar noch schlimmer: Popstars verhalten sich wie Rockstars. Und die Rockstars feiern sie auch noch dafür. Die zelebrieren ihren eigenen Untergang, indem sie den Popstars die Hand reichen.

Ist das der Grund, warum Sie sich für die neue Platte den Schlagzeuger Tommy Lee von Mötley Crüe mit ins Boot geholt haben?

Absolut. Er ist Rebell und spielt ihn nicht nur. Stripclubs und die schönsten Frauen der Welt – das ist in seiner DNS. Er repräsentiert die physikalische Power von Rebellion. Wenn wir zusammen Musik machen, spielen wir, als wollten wir die Welt vernichten. Wir spielen nicht, um gut miteinander auszukommen oder damit uns die Leute mögen. Es ist unser Fuck Off! Die Tatsache, dass die Rock’n’Roller sich seit der letzten Dekade auf die hinterste Bank setzen ließen und ihre Irrelevanz akzeptiert haben, ohne wenigstens mal mit der weißen Flagge zu wedeln, ist ein Armutszeugnis. Rock’n’Roll ist heutzutage fast abwesend in den US-Charts. Aber am Ende des Tages sind die Charts die Bibel des Musikbusiness. Wo ist also die Rebellion? Wenn ich rebelliere, sagen mir die Leute nur: „Sei still, alter Mann! Du hattest deine Zeit.“ Okay, aber dann zeigt mir bitte, wer das Ruder übernimmt!

Haben Sie denn noch Hoffnung?

Nein, der Krieg ist vorbei, und Pop hat den Krieg gewonnen. Auch wenn solche Kriege nur symbolisch sind, waren es mal Kriege von Idealen: Meine Musik ist besser als deine. Meine Bands sind besser als deine. Heute ist in Amerika alles gleichgeschaltet, es herrscht eine Ghetto-Wertvorstellung.

Wie meinen Sie das?

Pornos sind okay. Die Unterwerfung und Ausbeutung von Frauen ist okay. Männer, die verweichlicht sind, sind okay. Rockstars, die sich gestatten, in Kochshows aufzutreten, sind okay. Und alle scheinen sich mit der Idee des Berühmtseins zu arrangieren. Sie ist Mainstream und Teil des amerikanischen Lifestyles geworden. Und in den Werbepausen von Fußballspielen höre ich heute Songs, die so klingen, wie die, die ich vor 20 Jahren gemacht habe.

Wobei Ihre neue Platte auch Songs hat, die nach Popmusik klingen.

Deshalb sage ich ja: Lasst uns nicht so tun als ob wir rebellisch wären! Los Angeles und New York waren gestern. Heute kommen die Rebellen des Rock aus Indien oder Alaska. In Amerika werden die 15-jährigen Kids in ihren Schlafzimmern nur noch von Eminem und Jay-Z erreicht. Im Bezug auf Alternative Music kann man wirklich sagen: Es gab die Zeit vor „Nevermind“ von Nirvana und die Zeit danach. Das war der Schnitt.

Fühlen Sie sich wie ein aussterbendes Exemplar?

Oh ja. Jedes Jahr sind es weniger Leute aus meiner Zeit, die mitmischen. Ich habe unglaublich viel Respekt vor Leuten wie Willie Nelson oder Neil Diamond, die schon über so viele Jahrzehnte dabei sind. Wenn ich mir nach 25 Jahren schon so vorkomme, wie müssen sie sich nach so langer Zeit fühlen?

Leben Sie dennoch im Hier und Jetzt?

Ich werde oft gefragt, ob ich die Neunziger vermisse, und das tue ich wirklich nicht. Aber ich mag den Gedanken, dass ich in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft lebe – alles zur gleichen Zeit. Ich schreibe ja gerade an meinen Memoiren. Und das ist nicht immer einfach, weil man viel Verständnis für sich in den einzelnen Lebensphasen aufbringen muss und nicht zu hart mit sich selbst ins Gericht gehen darf. Denn manchmal sehe ich da einen Mann, den es heute gar nicht mehr gibt.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.