Miami sei ein „wunderschöner Alptraum“, hat Tarell Alvin McCraney gesagt – und damit am besten den Film beschrieben, der auf seinem Theaterstück basiert. „Moonlight“, das ist zunächst einmal ein Wunderwerk aus Licht und Farbe. Das tropische Grün der Palmen, das Blau des Himmels und die sichtbare Luftfeuchte unter karibischer Sonne evozieren alles, was man beim Wort Florida erwartet und ersehnt. Dass dies auch in anderem Sinne ein Film über Farbe ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Eine traurige, oft schlimme Geschichte wird hier erzählt, die zu großen Teilen auf McCraneys eigenem Erleben basiert. Der Regisseur Barry Jenkins, im selben Armenviertel aufgewachsen, hat sich darin wiederentdeckt. Vor allem aber hat er in dem Stück eine den Realitäten trotzende Schönheit erkannt, die sich wohl doch nur im Film verwirklichen lässt. Der Titel des Dramas enthüllt die ganze Magie: „In Moonlight Black Boys Look Blue“.

Schimmern in jeder Schattierung

Bis vor zwanzig Jahren, heißt es, hätte gängiges Filmmaterial die Nuancen schwarzer Haut nicht abbilden können. Das ist Geschichte. In jener schon jetzt berühmten Strandszene des Films jedenfalls schimmert die Haut der Protagonisten in jeder Schattierung. In den weichen Wogen des Atlantiks bringt der Drogendealer Juan (Mahershala Ali) seinem Schützling Chiron (Alex R. Hibbert), als Kind „Little“ genannt, das Schwimmen bei. Zum ersten Mal erfährt der von seiner drogensüchtigen Mutter (Naomie Harris) drangsalierte Junge Anerkennung und das Gefühl von Schutz. Er kann sich fallen lassen, die Szenerie erinnert an eine baptistische Taufe. Dass der sensible Juan auch seine Mutter mit Crack beliefert, erfährt er erst kurz darauf.

Im selben Gespräch wird er lernen, was das Wort „Schwuchtel“ bedeutet. Juan setzt es ihm so behutsam wie möglich auseinander, mit geringem Nutzen. Ein paar Jahre später ist Chiron (als Jugendlicher: Ashton Sanders) an seiner rein schwarzen Schule – die gesamte Besetzung des Films ist afroamerikanisch – brutalen Hänseleien ausgesetzt. Seine Hosen sind zu eng. Die Mutter, die sich kaum mehr auf den Beinen halten kann, bemängelt seinen Gang. Ähnlich schmerzhaft erlebt er die erste Liebe. Als Erwachsener schließlich hat er alle äußeren Zeichen von Schwäche abgelegt, zum Preis seiner Persönlichkeit. Scheinbar selbstbewusst nennt er sich nun „Black“ (Trevante Rhodes). Mit Muskelpaketen und Goldzähnen bewehrt, gibt er den Drogendealer als furchteinflößende Karikatur eines Gangsters – genauer des Mannes, der ihm so oft das Leben gerettet hat.

Eine universale Geschichte

Ob es den hochverdienten Oscar auch gegeben hätte, wenn dies das Ende wäre? Dass der mit drei fabelhaft korrespondierenden Hauptdarstellern zu einem Mini-Budget von 1,5 Millionen Dollar gedrehte Film eine universale Geschichte erzähle, ist mittlerweile eine Binse. Die Wahrheit ist, dass er sich nicht kategorisieren lässt. Man sieht darin ebenso die Geschichte eines Außenseiters wie die des schwarzen Amerikas. Die Einmaligkeit von „Moonlight“ besteht eben darin, dass diese Geschichte eines schwarzen schwulen Jungen noch nie erzählt wurde. Zugleich wird sich, genau wie damals Jenkins, jede und jeder damit identifizieren, der sich einmal verloren gefühlt hat, vielleicht auch um Anerkennung in einer Gruppe gerungen hat, der er gar nicht angehören wollte. Um das Individuum und seine Umwelt geht es, um die Schmerzen der Liebe, auch um dominante Vorstellungen von Männlichkeit – um, mit anderen Worten, wirklich fast alles.

Jenkins’ originärer Beitrag besteht darin, seine spezifisch schwarzen Themen in ein europäisch und asiatisch angehauchtes Kunstkino zu integrieren. Wir hören famose HipHop-Beats, aber auch orchestrale Klassik von dissonanter Einzigartigkeit. Die fragilen Farb- und Lichtspiele und verfremdende Kameraeffekte zeigen, dass authentische Erfahrung nicht gleichbedeutend sein muss mit drögem Naturalismus. Was sich in der schwarzen R’n’B-Musik seit einigen Jahren mühsam seinen Platz zurückerobert hat, ist damit endlich auch im Kino angekommen: eine männliche Sensibilität, oder auch Feminität, die sich auf allen sonstigen Feldern auf dem Rückzug befindet. Es steckt viel Kampf in diesem wunderschönen Alptraum, und er gilt der Bewahrung der Zärtlichkeit.