Der russische Physiker, Dissident und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow 1979 in seiner Wohnung in Moskau. 
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BerlinZwei statistische Angaben: Mehr als die Hälfte aller Staaten der Welt wird nicht demokratisch, sondern von Autokraten oder Populisten regiert, und knapp vierzig Prozent der Befragten in den neuen Bundesländern halten die parlamentarische Demokratie nicht für die beste Regierungsform. Wie kommt das? Handelt es sich um modische Ostalgie, die den Obrigkeitsstaat zur Idylle verklärt, weil es sich in seinen Nischen gut leben ließ? War die DDR eine kommode Diktatur, wie Günter Grass meinte? Sind die Nachgeborenen denkfaul und sehnen sich zurück nach dem Großen Bruder, der jedem vorschrieb, was er oder sie denken und sagen durfte, während die Demokratie den Bürgern schwierige Entscheidungen abverlangt?

Selbst die Hitler- und Stalin-Ära wird nachträglich verharmlost, weil dort angeblich Ruhe und Ordnung herrschten – nur die SS und Gestapo, GPU und NKWD begingen demnach Verbrechen –, in Wirklichkeit aber, weil die wenigen, die sich daran erinnern, damals jung waren und das Leben noch vor sich hatten.

Das ist nur die halbe Wahrheit, denn wie sonst ist es zu erklären, dass der verbrecherische Charakter des NS-Regimes offen zutage liegt und nur von Auschwitzleugnern und Neonazis in Abrede gestellt wird, während das Ausmaß stalinistischer Verbrechen außer einer Minderheit von Zeitzeugen und Historikern kaum jemanden interessiert?

Antwort auf diese und andere Fragen geben zwei kürzlich erschienene Bücher, die nicht die ihnen gebührende Beachtung fanden: Zum einen Marko Martins Untersuchung über dissidentisches Denken, zum anderen Andreas Petersens „Die Moskauer – Wie das Stalinismustrauma die DDR prägte“. Beide Texte füllen schmerzliche Lücken: Die Geschichte der zahlenmäßig kleinen, aber bedeutsamen Dissidentenbewegung, deren Sticheleien die totalitären Regimes des Ostblocks verunsicherten und schließlich in die Knie zwangen – diese Geschichte wurde bis heute nicht geschrieben, obwohl ohne ihre Kenntnis der Kalte Krieg, die Überwindung des Eisernen Vorhangs und der Fall der Mauer nicht nachvollziehbar sind. Von Rosa Luxemburg, Emma Goldmann, Maxim Gorki und André Gide, die gegen Theorie und Praxis des Leninismus und Stalinismus Einspruch erhoben, reicht die Liste prominenter Autoren, gefolgt von Arthur Koestler, George Orwell, Czeslaw Milosz und Albert Camus bis hin zu Sacharow und Solschenizyn, Vaclav Havel, Wolf Biermann und Jürgen Fuchs, um nur diese Namen zu nennen.

Keine glückliche Familie

Dabei hat Marko Martin keine Vollständigkeit angestrebt: Die von Marx kritisierten Junghegelianer fehlen ebenso wie Bakunin und andere Freigeister, die sich dem Diktat des Meisters widersetzten. Martin erliegt nicht der Versuchung, die Dissidenten zur glücklichen Familie zu erklären, die, am gleichen Strang ziehend, den Despotismus vom Sockel stürzt. Das Gegenteil ist der Fall, denn wie Robert Havemann waren viele von ihnen Mitglieder staatstragender kommunistischer Parteien, bevor sie selbstständig zu denken begannen, oder bekannten sich wie Alexander Solschenizyn nachträglich zur russischen Orthodoxie.

Dazu passt, was Marko Martin nach einem Gespräch mit dem Pariser Philosophen André Glucksmann notiert hat: „Da wir uns weder über die letzten Dinge einig werden können noch über die Details eines allgemeinen guten Lebens, müssen wir uns zusammenschließen in der konkreten Abwehr von physischem Leid, Unterdrückung, Terror und Folter. Die Gemeinschaft der Überzeugten muss der Solidarität der Erschütterten weichen, will man Ethik begründen. Was wir brauchen, ist eine Moral der ersten Hilfe. Den Scharlatanen aber überlassen wir es, Rezepte für sicheres Glück auszustellen.“

Das ist das Minimalprogramm dissidentischen Denkens, und das Stichwort Solidarität verweist auf die linke Utopie, der es in der Negation verhaftet bleibt. „Es interessiert mich nicht, was für ein Kommunist Sie sind“, sagte ein Berliner Taxifahrer zu einem Passagier, der sich als Antikommunist outete.

Was Marko Martins Buch so lesenswert macht, ist, dass es nicht bloß die Ideen der Dissidenten referiert, sondern ihre Lebenswelt schildert samt den dahinterstehenden Personen, denen der Autor sich beim Augenschein vor Ort behutsam annähert. Ein Beispiel unter vielen ist die 105-jährige Mariana Frenk-Westheim, die Trotzki und Frida Kahlo in Mexiko persönlich gekannt hat: „Mariana Frenk-Westheim sitzt neben dem Bett in ihrem Rollstuhl, schräg dahinter eine riesige Wasserstoffflasche. ,Wie eine Wasserstoffbombe’, wird der Besucher sagen. Das aufkommende Lachen aber muss gestoppt werde, schon geht der Atem rasselnd. Die Señora, leiser jetzt, doch weiterhin heiter: ,Na kommse ma, junger Mann. Als hättense je in Ihrm Leh’m ’ne Wasserstoffbombe jesehn …’“

Die Bücher:

  • Marko Martin: Dissidentisches Denken. Die Andere Bibliothek, 541 S., Berlin 2019
  • Andreas Petersen: Die Moskauer - Wie das Stalintrauma die DDR prägte. S. Fischer Verlag, 361 S., Frankfurt am Main 2019

Spitze des Eisbergs

Dass und wie Stalin Trotzki von einem gedungenen Mörder töten ließ, ist bekannt; weniger bekannt ist, dass im sowjetischen Exil mehr aus NS-Deutschland geflohene Kommunisten ums Leben kamen als in KZ-Haft und Kerkern des Dritten Reichs: Von 68 führenden Funktionären der KPD wurden 41 in der UdSSR ermordet. Das war die Spitze eines Eisbergs, denn von 4 600 deutschen Politemigranten kehrte nur ein Drittel aus Lagern und Verbannung zurück.

Obwohl vergleichen nicht gleichsetzen bedeutet, ist der Vergleich der totalitären Diktaturen noch immer tabu. Der Nichtangriffspakt von 1939, der zur Teilung Polens führte, ist dafür nur ein Indiz: Stalin hat Hitler bewundert und umgekehrt; nach seinem Bekunden hat ihn die Entmachtung der SA im Röhm-Putsch zur Großen Säuberung inspiriert, der nicht nur Partei und Armee, sondern auch die Zivilgesellschaft zum Opfer fielen. „Ihr Kommunisten seid Versager, und Hitler ist ein Mordskerl“, soll Stalin zu Willi Münzenberg gesagt haben, bevor der Ex-Pressechef der KPD sich auf der Flucht in Südfrankreich erhängte. Unklar ist, ob es sich um Freitod handelte oder um einen Auftragsmord des NKWD, denn Stalin hat seine antisemitischen Vorurteile nicht verhehlt.

„Auch für die Russen ist die Revolution vermasselt. Vermurkst und vermasselt. Wir sagen es ihnen bloß nicht, und sie sagen es uns nicht. Die Welt hat sich so schön daran gewöhnt, dass in Russland Sozialismus ist, man darf die Welt nicht enttäuschen. Pst!“ Den Stoßseufzer des nach Moskau emigrierten Schauspielers Heinrich Greif hat Andreas Petersen seinem Buch vorangestellt, das schwer zu lesen ist, nicht weil die Darstellung zu komplex oder der Stil unnötig kompliziert ist – im Gegenteil: Das Geschehen liegt klar auf der Hand. Aber es ist eine solche Fülle von Material, das der Autor ausbreitet, gekoppelt mit so viel Menschenverachtung und unsagbarem Leid, dem Männer und Frauen, Kinder und Greise zum Opfer fielen, dass ich das Buch immer wieder aus der Hand legen musste.

Im Nachhinein stellen sich zwei Fragen, die selbst aus historischer Distanz schwer zu beantworten sind: Warum Überlebende des Gulag, meist Frauen und Kinder, die zeitgleich mit deutschen Kriegsgefangenen nach Adenauers Moskau-Besuch ausreisen durften, ausnahmslos für die DDR optierten. Und warum sie das Schweigegebot akzeptierten, das die Stasi ihnen aufzwang, bevor sie Wohnung und Arbeit zugewiesen bekamen. Offenbar hatten sie das stalinistische System der Bespitzelung und Denunziation, bis hin zu Verhaftung und Folter so tief verinnerlicht, dass ein anderes Leben für sie nicht mehr vorstellbar war. Dass sich mit physisch und psychisch gebrochenen Menschen kein demokratischer Staat aufbauen ließ, versteht sich fast von selbst. Und abgesehen von einigen Dissidenten, die das verordnete Schweigen brachen, haben diese Lebenslügen der DDR den Fall der Mauer sogar noch überdauert.