Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg)
Foto: NDR/Christine Schröder

BerlinIn der Regel bekommen die Kommissare anfangs einen Anruf und fahren dann zu einer Leiche. Im Kieler „Tatort“ aber sind die beiden Kommissare schon bei der Tat dabei, leiten sie unfreiwillig sogar an: Mila Sahin (Almira Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg) geben an der Polizeischule ein Seminar, als die Polizeischülerin Nasrin während eines Befragungsspiels (Soma Pysall) plötzlich einen Mitschüler mit einem Schraubenzieher tötet. 

Tags zuvor hatte sie selbst einen Todesfall nicht verhindern können: Ein Mädchen ließ sich von der Kante eines Hochhauses fallen. Die Ohnmacht der Polizisten bleibt ein zentrales Motiv dieses von Beginn an packenden, mitunter beklemmenden Falls: Sie kommen immer zu spät. Die Autoren Eva und Volker Zahn liefern keinen üblichen Ermittlerkrimi, sondern steigen tief in die Motive und Vorgeschichte der Täter ein.

Schnell wird nur eines klar: die Polizeischülerin und das drogensüchtige Mädchen vom Dach kannten sich. Ihr Treff war das Café von Jules Vater – hier gibt Kida Khodr Ramadan mal nicht den Gangsterboss. Almira Bagriacik, die in der Serie „4 Blocks“ mit ihrem Kollegen Ramadan ein Neuköllner Geschwisterpaar spielte, ist hier nun mit Axel Milberg endlich voll auf Augenhöhe.

Die beiden Kommissare duellieren sich in scharfen Auseinandersetzungen, die aber immer produktiv bleiben, weil beide etwas beisteuern können: Borowski seine Erfahrung und seinen Hang zu Provokationen, Sahin ihre Energie und ihren Draht zur türkisch sprechenden Klientel. Zu Beginn des Films ist Almira Bagriacik als Sängerin zu hören: Ihr Berliner Schulkumpel, der Rapper Sero, schrieb nicht nur das Stück über Fliegen und Fallen, sondern debütiert hier auch passabel als Polizeischüler Leroy.

Zur wichtigsten Figur entwickelt sich die erst inhaftierte, dann ins Krankenhaus verlegte Täterin Nasrin: Soma Pysall spielt deren rasch wechselnde Aggregatzustände von verschlossen-abgekapselt bis zu rasend-aggressiv. Die größte Entdeckung des Kieler „Tatorts“ aber ist Regisseur Hüseyin Tabak, der schon in seinem Kinofilm „Gypsy Queen“ ein boxendes Mädchen zur Heldin kürte. Auch in seinem ersten Fernsehfilm kreiert er kinoreife Bilder und Szenerien, ob auf dem zugigen Hochhausdach oder im dunklen Verhörraum.

Für die psychischen Störungen der rasenden Polizeischülerin schuf er nicht nur bruchstückhafte Puzzles, sondern experimentierte auch auf der Tonspur. Sogar die titelstiftende Möwe hatte der Regisseur selbst bei der Drehortbesichtigung entdeckt – ihr Auftauchen und ihre Flüge verleihen dem Film eine poetische Note.

Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe

So, 10.5., 20.15 Uhr, ARD