Moritz von Uslars „Deutschboden“ als Film: Deutschland ist ein feiner Kerl

Am Ende seiner kurzen Reise wusste Moritz von Uslar sofort, dass er am richtigen Ort angekommen war. Vom ewigen Hip-sein in Berlin gelangweilt hatte sich der Autor westdeutscher Prägung in die brandenburgische Provinz, nach Zehdenick im Landkreis Oberhavel begeben. Und hier in „Hardrockhausen“ findet er gleich alles super, auch wenn er zunächst Angst vor den „Blickkämpfen“ im „Land der Plattenbauten“ beziehungsweise in „Hartz-Höllenhausen“ hat.

Super findet Uslar die ursprünglichen Kneipen mit den urtümlichen Einheimischen darin, den urig en Verfall in Sachen Bausubstanz, die geile Dunkelheit (keine Neonreklamen) und die Stille. Die lärmende ostdeutsche Trinkerjugend trifft sich mit ihren getunten Autos eher an der Tankstelle am Ortsausgang. Hier geht ab 21 Uhr die Post ab mit bis zu 30 Teilnehmern beim Wettkampf im Bierbüchsenöffnen und darum, wessen Motor am lautesten aufheult beim späten Abschied.

Muckibude, Tattoos und Augenbrauenwachsen

Sonst gibt es im Gebiet Oberhavel leider nicht allzu viel zu tun. Vor allem die Arbeit am eigenen Körper beschäftigt hier den Mann, sprich Muckibude, Tätowierungen und Augenbrauenwachsen. Diese indes nicht genuin aufs Ostdeutsche, sondern auf ein gesamtdeutsch anzutreffendes Milieu gerichteten Beobachtungen sind das Interessanteste an dem Film „Deutschboden“, der die Zweitverwertung eines Reportageromans ist, in dem Moritz von Uslar seine vielen Eindrücke als Wessi im Ossi-Land festgehalten hat.

Offenbar sind es starke Eindrücke – werden sie doch mit enormer Begeisterung geäußert. Doch als Zuschauer begegnet man dem erschlagenden Enthusiasmus des furchtlosen Ossi-Verstehers, Selbstdarstellers und Off-Erzählers Moritz von Uslar sowie dessen geradezu schamloser Verklärung der sogenannten einfachen, unverbildeten Menschen von Beginn des Films an nicht zufällig mit Misstrauen. Was, bitte sehr , soll schon so supertoll sein am Leben in einem kleinen Ort, in dem es keine Arbeitsplätze gibt.

„Deutschboden“ ist als Dokumentarfilm ausgewiesen. Tatsächlich handelt es sich um eine Art Naturdokumentation. Denn Uslar stürzt sich voll rein ins Brandenburgische, er fraternisiert total mit den Einheimischen – was einerseits natürlich hinderlich ist, wenn man bestimmte Fragen stellen will, etwa die leidige nach dem ostdeutschen Rechtsradikalismus. Andererseits eröffnet diese Haltung der Komplettumarmung von allem und jedem auch einen Zugang, den ein seriöser Journalist so nicht gefunden hätte. Und er setzt gelebtes Leben ins Recht.

Mit allen Ambivalenzen. Warum er denn eine Deutschlandfahne in seinem Garten hisse, fragt der Hobby-Ethnologe Uslar den dicken Blocki: „Weil ich mich freue, in Deutschland zu wohnen“, antwortet der. Auch ich persönlich freue mich darüber, in Deutschland zu wohnen und nicht – sagen wir – in Syrien. Aber deswegen würde ich noch lange nicht die Nationalflagge auf meinem Balkon wehen lassen.

Spätestens hier schleicht sich beim Zuschauer ein Verdacht latenter Unlauterkeit ein. Aber alles will ja echt sein: das Verständnis für die Leute, denen Uslar begegnet, und seine überbordende Faszination vom Fremden. Toll, wie preiswert die Hackepeter-Brötchen in der örtlichen Fleischerei sind! Super, wie die Eltern immer zu ihren Skinhead-Söhnen gehalten haben, auch wenn die Polizei schon wieder vor dem Haus stand. „Besser ein paar Streiche in der Jugend als Stubenhocker“, sagt der Vater. Man hält zusammen.

Überforderung durch das „Fremde“

Momente subkutaner Wahrhaftigkeit, was Land und Leute anlangt, kommen nicht von Uslar, aber immer wieder von den Befragten. Etwa von einem schwulen Paar, das in der Region ein ambitioniertes Restaurant führt, dessen Glasschautafel mehrfach mit Steinen beworfen wurde. „Das bleibt jetzt so“, sagt der eine der beiden – ein Menetekel. Der Mann erzählt auch von den offensiv beschränkten Scherzen einheimischer Frauen á la „Na, mit unseren Männern können wir aber nicht herkommen!“ Das geschieht also, wenn man hier abweicht vom großen Ganzen.

Die Überforderung durch das „Fremde“ bricht dann mit Macht durch bei Uslar, am deutlichsten wenn er die ostdeutschen Frauen so irritierend „männlich“ findet. Attitüde, Vorurteile und Eigeninteresse, aber auch schöne Sätze über ostdeutsche „Männer, die quer in der Gegenwart drinhängen“, haben „Deutschboden“ zu dem gemacht, was der Film letztlich ist: die Schlacht eines Reporters mit seinem Material. Als sie geschlagen ist, Uslar sagt es ohne Umschweife, sind die „Beobachtungsbatterien leer“ – ist das Interesse vollständig erloschen.

Deutschboden Dtl. 2013. Drehbuch & Regie: André Schäfer, beruhend auf der Buchvorlage von Moritz von Uslar, Kamera: Andy Lehmann, Sebastian Woithe. 96 Minuten, Farbe. FSK o.A.