Die Columbiahalle war nicht einfach ausverkauft. Kein Ferkel hätte man am Sonntagabend mehr zwischen die dreieinhalb Tausend quetschen können, als Steven Patrick Morrissey zum Konzert bat. Dabei hätte das Tier sonst nichts zu befürchten gehabt. Morrisseys Merchandise und ein Infostand warben für fleischloses Leben. Und in einem der Höhepunkte des Auftritts zeigte der Künstler schreckliche Snuff-Szenen aus der Massentierhaltung, brutal, blutig, quälend. Dicke Männer hieben mit breiten Hämmern auf zuckende Tierschädel ein, schreiende Kälber wurden massakriert, panischen Schweinchen die Schwänze abgerupft. Sie illustrierten „Meat is Murder“, Morrisseys vegetarisches Kampfgeheul von 1985, damals noch mit den Smiths, aber es ist noch immer eindrucksvoll, verwirrend und mitreißend, wie er inmitten des Gemetzels den Ton schmelzend steigen lässt und die Schönheit und den sinnlosen Tod der Kreatur beschwört.

Morrissey eine wunderbare Diva

Es ist nicht das einzige große Thema, das an diesem Abend zur Sprache kommt. Die Kirche, die Monarchie und der Tod, die Liebe, der Mann und die Langeweile, sie alle werden mit Inbrunst bezweifelt, verhöhnt oder verachtet – und mit derart innigem Ton hinweggecroont, dass Fanherzen schmelzen wie Eis in der Sonne. Morrissey ist nämlich nicht nur ein meinungsstrenger Patron. Sondern auch eine wunderbare Diva, die seit weit über dreißig Jahren scheinbar ohne Verschleiß die Menschen bannt, wofür sie im Ikonen-Ranking der BBC nur von David Attenborough übertroffen wird und vom britischen New Musical Express bis zur US-amerikanischen Website Pitchfork als einer der wichtigsten Künstler und bester Lyriker des Pop gilt.

Was schon auch etwas rätselhaft wirkt, wenn man ihn auf der Bühne sieht, mit der grauen Tolle, dem massigen Körper im schlabbrigen weißen Freizeitlook und mit bewaldeten Solarplexus. Die Band rockte oft großartig, aber in balladesken Momenten mitunter so erdschwer, wie Morrissey aussah. Seine Show bestand daraus, dass er mikroschwingend die Bühne auf und ab trabte und zuweilen den Blick zum Himmel richtete. Er sagte ein paar ironische Worte ins Publikum, und zur Zugabe entblößte er den wuschligen Oberkörper und warf das – nun frische schwarze – Hemd in die Menge. Ansonsten ließ sich nicht viel Arbeit am Charisma erkennen – es war einfach irgendwie da.

„Ich ruhe mich aus, wenn ich tot bin“

Überhaupt liebt er ja am meisten die toten Künstler und bedichtet höchst eloquent seit je Misanthropie, Frustration, Verzweiflung und die Jammertalhaftigkeit der Welt. In seiner Autobiografie schreibt er, dass er zwar „äußerlich eine passable menschliche Figur“ abgebe, aber „meine taumelnde Seele offenbar die seltsamsten Menschen des Planeten anspricht.“ Man musste schon dankbar sein, dass er das Konzert nicht wie kürzlich in Polen abbrach, wo eine dieser schrägen Gestalten in einem Zwischenruf auf seine Krebserkrankung spielte. Die hat er im Sommer selbst gemeldet, aber ärztlichem Rat zum Trotz auf die Tour nicht verzichtet: „Ich ruhe mich aus, wenn ich tot bin“, sagte er.

Dankbar für dieses schöne Konzert waren wir daher alle, obwohl man natürlich immer wieder den unerfreulichen Gedanken verscheuchen musste, dass sich das böse Tier irgendwo in diesem kräftigen Mittfünziger-Körper breitmacht, der so schwelgerisch und leidumarmend vom Elend sang – oder in „Asleep“ von der Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf. Dabei lag kunstvollerweise über dem Abend insgesamt eine druckvoll frustrierte bis boshafte Aura.

So sah man gleich im eröffnenden, krachigen „The Queen Is Dead“ – einer von insgesamt vier Smiths-Nummern – auf der Leinwand ein unvorteilhaftes, mit „King Dumb“ beschriebenes Bild von Prinz William und seiner Kate. Einen Großteil der Titel widmete er seinem neuen Album „World Peace Is Non of Your Business“, von dem unter anderem die Stierkämpfer-Ballade „The Bullfighter Dies“ zu hören war, dessen Pointe – „keiner weint“ – er jubilierend auskostete. In „Kick the Bride Down the Aisle“ beschimpfte er dynamisch die Ehe und insbesondere die Ehefrauen, während er in „Staircase at the University“ den akademischen Druck auf junge Damen beklagte. Auf einem der besten neuen Titel „I’m Not a Man“ markiert er zunächst den Mann als sich spreizendes Geschlecht aus weinerlichen Don Juans, Soldaten, Workaholics und T-Bone-Steak-Fressern – um sodann sich selbst als etwas „viel Größeres und Besseres“ zu beschmachten. Nicht, dass es ihm hülfe. In älteren Stücken stand er einsam im Club oder umarmte Paris, weil „nur Stein und Stahl“ seine Liebe akzeptierten. Und schließlich beendete er mit der mitsingenden Menge den Abend mit einem hinreißenden „Everyday Is Like Sunday“. Das bringt die seltsam schillernde Strahlkraft des wunderlichen Künstlers hervorragend auf den Punkt. Denn die sehnsuchtsvolle Hymne besang natürlich nicht den feinen Konzertsonntag. Sondern den grauesten, fiesesten und einsamsten Abgrund.