Moses Sumney Auftritt in London
Foto: Imago Images/Zuma Press

BerlinWas für ein Understatement, dieses Doppelalbum nach der eher farblosen Farbe zu nennen, wie herrlich darf sie hier schillern! Moses Sumney interpretiert sein Grau als einen Zustand, der die Gegensatzpaare, die den Ton bestimmen – schwarz/weiß, eigen/fremd, männlich/weiblich – nicht vermischt, sondern als wilde Unklarheiten feiert: „I insist upon my right to be multiple.“

„Grae“ folgt dem Debüt, „Aromanticism“, das 2017 einen enorm eigenwilligen Künstler vorstellte, der elegant freihändig ein Gebiet zwischen R&B und Jazz erschloss und sich dabei mutig, unterstützt von einem manchmal fast schmerzhaft hohen Falsett bewegte. Wo jedoch „Aromanticism“ einen eher introspektiv verwischten Tonfall bevorzugte, lässt er nun „Grae“ in einer ozeanischen Geste überschäumen, in sehnsüchtige Höhen fliegen, in Abgründe steigen, nach allen Ecken strahlen. Diese Komplexität macht das Album zu keinem einfachen Hörerlebnis.

Der 28-jährige Sänger, Produzent und Gitarrist aus L. A. reagiert damit auch darauf, dass man ihn für sein Debüt ins R&B-Fach sortierte. „Das liegt in der Natur der Dinge“, sagte er dazu, „daran, dass ich ein schwarzer Sänger bin, der singt, wie ich singe – egal wie ich das verpacke.“

In der Tat erkennt man  in der Stimme die Soulgeschichte, zumal jene der religiösen Hochgefühle von Sängerinnen wie Aretha Franklin, die er als größten Einfluss angibt. Doch davon abgesehen, baut er ebenso auf Folk- und Indierockstile wie er die Produktion mit größter Eleganz elektronisch ausgestaltet. Entsprechend divers die Gästeliste, sie reicht vom Neo-Jazz-Superbassisten Thundercat über Soul-Sängerin Jill Scott zum experimentellen Produzenten Daniel „Oneohtrixpointnever“ Lopatin und dem Allzweck-Popdesigner John Congleton.

Abenteuerliche Arrangements

In den Texten ringt Sumney zweifelnd, kraftvoll, exaltiert mit den Ideen von Männlichkeit, Körper, Hautfarbe, inszeniert den Mann mit abenteuerlichen Arrangements und Temperaturstürzen als komplexes Wesen.

Auf „Virile"  lässt er Proggitarren krachen und psychedelische Streicher schwirren, die Stimme fliegt über mächtige Wellen elektronischer Geräusche. In „Gagarin“ mumbelt er durch einen kaputten Filtereffekt, zu perlendem Klavier, Wogen aus Keyboardgischt und hallenden Gongs über einem schleppend verzischten Downbeat. Im zweiten Teil reichen die Stimmungen von einem Stück wie „Me in 20 Years“ mit beinah gradlinigem Ron-Isley-Falsett und Burt-Bacharach-Harmonien zu „Keeps Me Alive“, wo er  zärtlich  nur zu einer gezupften Gitarre singt.

Erstaunlich, wie er aus dieser Vielfalt und Widersprüchlichkeit ein persönliches Universum schafft, dessen Geschlossenheit an die souveränen Entwürfe von Scott Walker oder Fiona Apple erinnert. Wie sie öffnet er den Blick in eine befreite, stolze Welt.

Moses Sumney - Grae (Jagiaguwar / Cargo)