Alles hat seinen Grund in der Kindheit. Moshekwa Langa verbrachte sie auf dem Land. Das Land heißt Südafrika und während der Kindheit des 1975 in Bakenberg, etwa 300 Kilometer nördlich von Johannesburg, geborenen Jungen herrschte Apartheid. Not und „Bantu-Erziehung“, ein 1953 gesetzlich festgeschriebenes System, das „Eingeborene“ gezielt zu niederen Arbeitern „qualifizierte“, kurzum das weniger ausbildete als entmündigte und verblödete. Und doch gelang es seiner Mutter, das Kind nach Pretoria auf eine Waldorfschule zu schicken. Dort lernte Moshekwa unter anderem Goethes Farbenlehre kennen.

Aus den wenigen verfügbaren Materialien, mit Buntstiften, Kerzenwachs und Abfällen, aus Kartonfetzen, Bindfäden und Garnrollen, fing Moshekwa 1994 an, imaginäre Landkartenbilder zu basteln. In seinem Heimatort KwaMhlang im damals sogenannten „Homeland Kwa Ndebele“, wurde gebaut, es gab viele leere Zementsäcke aus mehrlagigem grobem Papier, das Moshekwa zum Malgrund wurde.

Er bekritzelte die Fetzen mit krakeligen Zeichnungen, Schraffuren und Texten, deren mysteriöse Poetologie einer écriture automatique entsprungen schien. Aquarellierte Farbwolken zogen über visionierte Kontinente, rohe Paket-Klebebänder hielten Innen- und Außenwelten, Wach- und Schlafzustände, Fundstücke des realen mit Fiktionen zusammen, verklammerten Disparates aus nicht miteinander kohärenten Wirklichkeiten und verwebten alles zu unbekannten Geografien.

„Treibgut eines autobiografischen Romans“, nennt der südafrikanische Kunstkritiker Sean O’ Tool die Bilder Moshekwas, der als Jugendlicher Schriftsteller werden wollte und diese Idee nur an der nicht zu bändigen Flut des Schreibens hingab. „Häute“ nannte er selbst dann einige der ersten dieser damals wie zum Trocknen an Wäscheleinen aufgehängten Tableaus aus Schrift und malerischer Textur. Moshekwa Langa hatte, noch keine Zwanzig damals, weder von Konzeptkunst noch von Minimalismus je etwas gehört, und hatte doch schon seine eigene arte povera erfunden.

Nach seiner ersten Ausstellung 1995 in einer selbstverwalteten Künstlergalerie im Johannesburg der Post-Apartheidzeit wurde Moshekwa Langa nach Berlin eingeladen. Für die 1996 von Nelson Mandela eröffnete Ausstellung „Colours“ im Haus der Kulturen der Welt bestieg der da 21-Jährige zum ersten mal ein Flugzeug, reiste er zum ersten Mal aus seinem Land – und blieb für lange Zeit in Europa, zunächst mit einem Stipendium der Rijksakademie in Amsterdam.

Wahrscheinlich gab es in Moshekwa Langas Kindheit sogar gelegentlich jene spiralig gestreiften Zuckerstangen, die er nun, irgendwie auch an die filigranen Bootsanleger-Pfosten in Venedig erinnernd, für die zentrale Installation riesenhaft vergrößert hat. Diese mit Geschenkbändern und langen Bindfäden lose verbandelten Röhren oder Stifte stehen, lehnen in aufgestapelten Autoreifen. Es riecht ein wenig nach Gummi. Jedes Objekt erzählt seine Geschichte.

Kann jemand mit Geschichtsbewusstsein in Südafrika überhaupt einen aus seinem Alltagskontext gehobenen Autoreifen ansehen, ohne an necklacing zu denken? So hieß die bestialische Methode, Apartheid-Kollaborateure umzubringen. Man legte ihnen mit Benzin gefüllte Autoreifen wie eine Halskette – necklace – um den Nacken und zündete sie an. Doch hat diese Assoziation mit der Intention des Künstlers zu tun? „Alles kann je nach dem eigenen Hintergrund unterschiedlich interpretiert werden.“ In seiner freigehaltenen Ansprache zur Ausstellungseröffnung erzählt der liebenswürdig knuddelige Moshekwa Langa, unterbrochen von vielen mit Lächeln aufgefüllten Gedankenstrichen, von den Einflüssen von Thomas von Aquin, von Rudolf Steiner und dem heiligen Gral!

Tatsächlich, ein paar ausgeschnittene Ritterfiguren lassen sich unter den vielen comicartigen Bildzitaten auf seinen großformatigen Gouachen ausmachen. Und sehen die wie aufgeklebten Umriss-Bildchen afrikanischer Masken nicht auch ein wenig wie die geschmiedeten Helme und gedengelten Gesichtsschilde dieser Mythenjäger und Legendenkämpfer aus?

Garnspulen, Spielzeugautos, Plastiktiere Discokugeln

„Der eifersüchtige Liebhaber“, so der Ausstellungstitel, bedeute für ihn „ein Nachdenken über die Menschen, die scharenweise in die Metropolen streben auf der Suche nach dem dort verborgenen „Gold“, das aber eine Fata Morgana ist“, schreibt Langa im Katalog. Dem „Gesang der Sirenen“, wie er die raumgreifende Installation nennt, dem Sog der Städte ist er längst selbst gefolgt, inzwischen lebt er in der „Stadt des Goldes“, in Johannesburg. Golden und silbern glitzern Bälle, altmodische Discokugeln, aufblasbare Globen, wie von längst erwachsen gewordenen Spielkameraden vergessen, schäbige Krawatten und billige Glamour-Gürtel, mit traurigen Tüllschleifen dekorierte Hüte, aus dem Kostümfundus von Clowns, Gecken oder Gigolos, die diese Stricke und Schleifen einst zum Zusammenbinden ihrer Identitätsrollen in Gebrauch hatten. „Making Worlds“, Welten erzeugen, hieß die Schau auf der Biennale von Venedig von 2009, auf der Moshekwa Langa eine Installation gezeigt hatte, bei der Garnspulen, Spielzeugautos, Flaschen, Plastiktiere und Discokugeln mit bunten Fäden lose verknüpft waren.

Noch immer arbeitet Moshekwa Langa mit Kollagen, noch immer webt er großdimensionierte Gemäldeteppiche aus sich überlappenden Plastikfolien, zusammengehalten von bunten Klebestreifen, noch immer transformiert er profanes Verpackungsmaterial aus dem Baumarkt zu kostbar schimmernden Kartografien rätselhafter Kontinente und innerer Landschaften. Die Dinge, Farben, Stoffe, Papiere, die Erzählungen gehen ihm nie aus.

Auch Worte bleiben ihm dabei stets „Werkstoffe“, mythologischen Zeichen gleich, die Emotionen zum Klingen bringen, Immaterielles, das man paradoxerweise anfassen kann. Selbst seine neuen, hinter Glas gerahmten Gouachen, wie aus unterirdischem Grundpastos leuchtenden Gemälde aus horizontalen Farbflüssen, haben diese taktilen Qualitäten. Die Topografien aus Nähseidelinien, Glitterflecken, Sandozeanen, Torfwäldern, Wachsnächten und Tuschegleisen bleiben, um die Wege noch zu den verborgendsten außerirdischen Spielplätzen der Kindheitserinnerung zu weisen.