Edward Norton (l) als Detektiv Lionel Essrog und Willem Dafoe als Paul Randolph in einer Szene des Films "Motherless Brooklyn".
Foto: Glen Wilson/Warner Bros. Pictures/dpa

Berlin„Motherless Brooklyn“ ist das Duell zweier Männer, beide besessen von Ordnung. Der eine baut Straßen, Brücken und ganze Wohnviertel, rupft der Stadt das Unkraut aus dem Leib zur Lichtung der Verhältnisse. Alles muss perfekt sein, stromlinienförmig, autogerecht. Der andere versucht, in seinem Kopf wieder zusammenzusetzen, was dabei zerstört wurde, gräbt unter den Schneisen der Verwüstung nach Spuren eines riesigen Verbrechens. 

Das Opfer ist die ganze Stadt, die ganze Gesellschaft des alten New York City, und das alles geht deutlich über seinen Verstand. Vielleicht muss er deshalb soviel reden. Für einen klassischen Hardboiled-Detektiv jedenfalls redet Lionel Essrog enorm viel. Lionel hat das Tourette-Syndrom, er selbst nennt es seinen „kleinen Anarchisten“, und es wäre gegen alle Regeln, bekäme Edward Norton dafür keine Oscarnominierung. Der kleine Kerl tobt durch seinen Kopf und bringt alles durcheinander, was sein fotografisches Gedächtnis – die Krankheit hat ihre gute Seite – mühsam zusammengesetzt hat. Lionel ist ein Wortverdreher, kein Schandmaul, aber mit seinen zuckenden Ticks macht er sich immer wieder zum Affen. Schlecht beim Flirten, oder beim Überbringen einer Todesnachricht.

Schlapphüte und Femme fatales 

Das Spiel mit der Sprache ist herausragend in Jonathan Lethems dem Film zugrundliegendem Roman, erschienen 1999. Wohl auch deshalb hat es den Schauspieler Edward Norton besonders gejuckt, bei der Verfilmung nicht nur Regie zu führen –zum zweiten Mal in seiner Karriere –, sondern auch die Hauptrolle zu übernehmen. Seine Idee, die Handlung in die späten 50er-Jahre zu verlegen, stieß auf das Wohlwollen des Autors, der eigentlich für Science-Fiction-Romane bekannt ist. Norton konnte ihn überzeugen, dass sich die Hardboiled-Chiffren von lässigen Schlapphüten und mysteriösen Femme fatales in einer zeitgenössischen Erzählung prima hinter der Sprache verstecken lassen, dasselbe aber in einem Film unfreiwillig ulkig wirken würde.

Der Trailer zu „Motherless Brooklyn“

Quelle: Youtube

Man einigte sich also auf einen Film noir. Norton erfindet das Genre nicht neu, aber enthüllt doch neue Facetten. Lionel will den Mord an seinem Freund und Mentor Frank (in einer schönen kurzen Rolle: Bruce Willis) aufklären. Ihm verdankt die Vollwaise den Spitznamen: Motherless Brooklyn. Bei seinen Recherchen stößt er auf einen übelriechenden Morast aus Korruption, sexueller Ausbeutung und auch Rassismus. Tatsächlich ein Streichholzbriefchen – soviel Klischee muss sein – führt Lionel in die ihm fremde Welt schwarzer Jazzclubs und Bürgerversammlungen, wo die städtische Baupolitik auf heftigen Argwohn stößt. Kann es sein, dass der Kampf gegen die Slums in Wahrheit der schwarzen Bevölkerung gilt? Und was hat das mit Lionels Fall zu tun? Man weiß, dass etwas faul ist, wenn Alec Baldwin wutentbrannt in die Kamera brüllt. In letzter Zeit tat er dies vorwiegend als Trump-Imitator, und diese Assoziation ist hier fraglos gewollt. In Anlehnung an den Immobilien-Tycoon Robert Moses spielt Baldwin einen Mann namens Moses Randolph, der hier in New York alle Fäden in der Hand hält.

Im Design der 50er-Jahre

Der echte Moses war in den 50ern als Stadtentwickler für den sozialen Wohnungsbau zuständig und realisierte diesen vor allem durch den Abriss von Altbausubstanz. Sein Wiedergänger im Film meint einmal zu Lionel, auch für den Central Park haben einst Menschen weichen müssen. Mit Stadtparks wurde er selbst zum Volksheld. Die Opfer? Sind für ihn nur Verlierer, Unsichtbare, nicht einmal existent. Edward Norton, selbst Enkel eines Philanthropen und Stadtentwicklers, in dessen Musterstadt er sogar aufwuchs, ist diese Geschichte spürbar wichtig. Vielleicht deshalb wirkt sein Ermittler etwas zu gutmütig für dieses Genre, in dem Zwischentöne alles sind. Leider ist auch seine Regie etwas zu flach, um die unbestreitbaren Qualitäten seines Films richtig zur Geltung zu bringen. Denn tatsächlich ist ja alles da: „Motherless Brooklyn“ ist ein Hochamt prachtvollen 50er-Jahre-Designs in Ausstattung und Mode, inspiriert von der Straßenfotografie Robert Franks und Vivian Maiers.

Für eine der vielen schönen Verfolgungsjagden ließ Norton sogar die alte New Yorker Penn Station nachbauen, ein Prunkstück der Beaux-Arts-Architektur, das 1963 den Stadtplanern zum Opfer fiel. Setdesign und Dekor sind hier deutlich mehr als Mittel zum Zweck – sie zeigen, worum es eigentlich geht. Wenn aber Edward Norton als Lionel durch ein paar grobkörnige Schwarzweißfotos seines Falls blättert, sieht man unwillkürlich den Film vor sich, den er als Regisseur verpasst hat. Sein Liebhaberprojekt ist doch etwas glatt geraten, nicht nur, aber auch durch die digitale Fotografie. Als ihr Vorteil gilt, alles zu erfassen. Das Geheimnis des Film noir, penibel beachtet in Neo-Noirs wie „Chinatown“ und „L.A. Confidential“, liegt indes gerade darin, dass er  die dunklen Ecken dunkel ließ.

Die Kamera erklärt zuviel in diesem überlangen Film, genau wie das etwas geschwätzige Drehbuch.  Passabel geraten ist Nortons Zweitwerk dennoch. Zur tollen Besetzung zählt Willem Dafoe als schratiger Sonderling mit wertvollen Hinweisen. Der stimmungsvolle Jazz-Soundtrack wurde von der Trompeterlegende Wynton Marsalis eingespielt, bei einem Stück musiziert er gemeinsam mit dem Radiohead-Sänger Thom Yorke. Der Jazz übrigens liefert die einzigen Szenen, in denen Lionels Ticks eine Rolle spielen. Wenn alles zuckt und muckt, zuckt er einfach mit. Da ist er in seinem Element.

„Motherless Brooklyn“

Motherless Brooklyn USA 2019. Buch und Regie: Edward Norton, Darsteller: Edward Norton, Bruce Willis, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Willem Dafoe u.a.; 144 Min. Farbe. FSK ab 12. Kinostart ist am Donnerstag