Weihnachten in dem estnischen Film „Eia Joulud Tondikakul“
Foto: Mängufilm

BerlinZur Eröffnung des zum vierten Mal stattfindenden Weihnachtsfilmfestivals wird „Eia Joulud Tondikakul“ (Phantom Owl Forest) gezeigt. Die estnische Regisseurin Anu Aun erzählt hier ein beschauliches Märchen um das zehnjährige Mädchen Eia, das die Feiertage gegen seinen Willen in der tiefsten Provinz verbringen soll. Nach kurzem Fremdeln erlebt sie dort bezaubernde Tage, taucht tief in Familiengeheimnisse ein, macht mythische Naturerfahrungen und rettet fast nebenbei einen ganzen Wald samt dessen seltener Tierpopulation. Der Film ist liebevoll gemacht, lebt von seinen schönen Naturaufnahmen und wirbt für zwischenmenschliche Solidarität als Mittel zur Rettung der Welt - wenn sich diese auch nur über einige Hektar Winterwald erstreckt. 

Auch im quietschbunten „Ura! Kanikuly“ (Hoorah! It’s a Holiday) aus Russland wird die Auszeit „zwischen den Jahren“ in Verbindung mit dem Stadt-Land-Gefälle zum Anlass für eine Reanimation einst intakter Verwandtschaftsverhältnisse. Mutter, Vater, Sohn und Tochter fahren von St. Petersburg in ein Winterresort, finden dort nach einer Reihe von Missverständnissen zurück zum inneren Zusammenhalt, dies vor allem dank aufregender Abenteuer. Maxim Demchenkos Inszenierung fällt weniger feinsinnig aus als die seiner baltischen Kollegin, entfaltet aber doch einen gewissen Charme. Diese postsowjetischen Filme nebeneinander zu sehen, hat seinen Reiz. Bei aller Unterschiedlichkeit gewähren sie lebendige Einblicke in die Wunschvorstellungen der jeweiligen mittelständigen Milieus. Verunsicherung bricht durch die Krusten des mühsam erkämpften Wohlstands. Beide Filme erlauben auch Rückschlüsse auf die Wirkungsphänomene des Weihnachtsfilms an sich.

Das Auswertungsfenster ist kurz

Kein Genre sonst bezieht sich auf einen zeitlich derart eng gezogenen Rahmen, das Auswertungsfenster ist extrem kurz. Dennoch werden weltweit in jedem Jahr unzählige neue Beiträge produziert. Dies liegt sicher an der mit dem Thema verbundenen Transit-Situation: die Kippzone vom alten zum nächsten Jahr führt in Verbindung mit der dunkelkalten Jahreszeit zur Einkehr und zur möglichen Neubestimmung. Weihnachten glorifiziert in Person des Jesus-Knäbleins die Kindheit. Doch nicht zufällig deutet sich in nahezu allen in jener Zeit angesiedelten Geschichten der Abschied von diesem Zustand an. Die Pubertät wirft ihre drohenden Schatten, der damit verbundene Verlust der Unschuld durch Erfahrung ist letztlich durch nichts aufzuhalten: Weihnachtszeit ist Zwischenzeit.

Anschaulich spiegelt sich dieser Abschied von der Unbescholtenheit in „Wintergast“ der beiden Schweizer Filmemacher Andy Herzog und Matthias Günter, dem künstlerisch reifsten Beitrag des Festivals. Beschrieben wird die Odyssee eines kriselnden Möchtegern-Autors, der sich als Jugendherbergstester durch die winterliche Eidgenossenschaft bewegt. Mühselig seinen Rollkoffer durch verharschten Schnee ziehend, macht er sich lange vor, der befreienden Inspiration knapp auf den Fersen zu sein. Bis er realisiert, dass er immer nur vor sich selbst davonläuft. Konsequenterweise spielt einer der beiden Regisseure auch gleich die Hauptrolle, die allermeisten Szenen leben von ihrer dokumentarischen Grundierung, spiegeln gleichzeitig die Schweizer Sattheit wie die Orientierungslosigkeit einer darin erstickenden „Generation Y“.

Inklusive Sex, Mord und Raubtierfütterung

Mit „Le Père Noël est une Ordure“ (Santa Claus is a Stinker) erfährt der allgegenwärtige Harmonisierungswahn von der ersten Minute an seine zynische Umkehrung in genüsslich ausgestellte Geschmacklosigkeit. Ein Mietshaus mit angeschlossener Telefonseelsorge wird zum Schauplatz eines White-Trash-Karussells inklusive Sex, Mord und finaler Raubtierfütterung. Regisseur Jean-Marie Poiré hat damit ein Remake seines eigenen, bereits 1982 entstandenen Erfolgsfilms gedreht, der wiederum auf einem Stück des Boulevardtheaters „Le Splendid“ basiert. In Frankreich kennt jedes Kind die Figuren und ihre flotten Sprüche. Hierzulande herrscht da noch Nachholbedarf. Insgesamt laufen auf dem Festival neben vier Langfilmen sechs Programme mit mehr als 50 Kurzfilmen aus faktisch jedem denkbaren Themenkreis und Milieu.

Foto: Mägufilm
4. Weihnachtsfilmfestival

19. bis 21. 12. im Kino Moviemento, Berlin

Bezogen auf Länge, Inhalt und Machart fällt ein mittellanges Werk auffallend aus dem Rahmen. „Winter und harter Winter“ von Johannes Kürschner und Paul Stephani ist ein mit Crowdfunding finanziertes, betont politisch inkorrektes Gruppenporträt aus Olbernhau im südlichsten Zipfel des Erzgebirges. Für die in Mundart grantelnden Männer verschiedener Altersgruppen ist von höchster Wichtigkeit, dass immer ein Bier in Griffweite steht. Frauen dürfen manchmal auch mit am Tisch sitzen, Tiere sind zum Essen auf der Welt. Aus dem benachbarten Böhmen kommen manchmal Musikanten über den Gebirgskamm, um beim Schlachtfest aufzuspielen. Ansonsten bleibt man hier unter sich.