Die Frau auf dem Nebensitz weint hemmungslos. „Ich fühl' mich wieder wie 14, als ich seinen Starschnitt überm Bett hatte“, schluchzt sie ihrer Begleitung ins Ohr. Tatsächlich ist einem an diesem Montagabend öfters zum Heulen zumute; aber eher, weil einem das Objekt ihrer – ach was aller – Begierde, der a-ha-Sänger Morten Harket, so leid tut.

Gleich zu Beginn des Konzertes in der Berliner Mercedes-Benz-Arena, ausgerechnet bei „I've been losing you“, hat er seinen Ton im Ohrknopf verloren. „Sorry, aber so kann ich dieses Auto nicht fahren. Dann muss ich eben auf den Rücksitz“, druckst der 58-jährige Norweger ins Mikro. Der Rücksitz ist in diesem Fall ein Barhocker, auf dem er sichtlich unwohl herumrutscht, und den er, obwohl er wie immer auf beeindruckende Weise auch die höchsten Töne trifft, fast den ganzen Abend nicht mehr verlassen wird.

Unplugged in der Mehrzweckhalle

Schön ist er auch noch immer, selbst mit kackbrauner Lederjacke und der inzwischen unvermeidlichen getönten Brille. Als Trio a-ha mit Gitarrist Paul Waaktaar-Savoy und Magne Furuholmen am Keyboard gehörte Harket zu den größten Synthie-Pop-Helden der Achtziger. Nach Pausen, Trennungen, und Wiedervereinigungen sind die drei nun mit ihrem jüngsten Album „Summer Solstice“ wieder zusammen auf Tour – allerdings unplugged, also ohne elektronische Instrumente.

Dieses Konzept, das der Musiksender MTV mit der Konzertreihe „MTV unplugged“ ins Leben gerufen hat, kann ganz wunderbar funktionieren. Bei den Fantastischen Vier etwa ergaben die neuen Versionen sogar ganz neue Hits und auch dem zuletzt damit tourenden Marius Müller Westernhagen tat die Akustikgitarre gut. Bei a-ha wirken die aktuelleren, ohnehin schon sehr melancholischen Stücke wie „Lifelines“ und „Forever not yours“ im neuen Cembalo-Sound nur noch melancholischer.

Drei Streicherinnen, ein Saxophonist, ein Bassist, ein Drummer und ein Keyboarder begleiten die Norweger, die in einem Lichtkreis sitzen. Umrahmt wird das ganze von sechs Leinwänden, die mal die Bandmitglieder, mal romantische Landschaftsaufnahmen von verschneiten Fjord-Ufern aus ihrer Heimat zeigen, wie bei „Stay On These Roads“.

Diese Opulenz ist vielleicht das Hauptproblem des Abends: Ein Unplugged-Konzert lebt von seiner Intimität, aber wie Intimität herstellen in einer Mehrzweckhalle mit 8000 Zuschauern und den unvermeidlichen Video-Einspielern, damit auch die Zuschauer 30 Meter entfernt unterm Dach noch etwas sehen können?

Und wie Stimmung, wenn die meisten Tanzflächen-Kracher von damals, wegen derer ja alle überhaupt gekommen sind, entschleunigt wurden? Die eigene Verunsicherung in diesem Balance-Akt können a-ha trotz allen Charmes nicht gänzlich verbergen, und so wirkt ihr Spiel über weite Strecken etwas uninspiriert und nordisch unterkühlt.

„Take On Me“ als minimalistische Ballade

Erst als das Publikum beim letzten Stück, dem Klassiker „The Sun always Shines On TV“ kollektiv von den Stühlen aufspringt, geht auch Harket endlich einen Schritt auf den Saal zu. Pünktlich zur Zugabe ist er endlich angekommen in diesem Konzert: Es ist das sehnlich erwartete „Take On Me“ und bildet das Meisterstück der musikalischen Neuausrichtung.

a-ha haben den Song entkernt, das typische Keyboard-Riff entfernt und eine minimalistische Ballade daraus gemacht, die die drei ganz alleine vortragen. So schön ist das, dass die Tanzlust plötzlich ganz vergessen scheint. Nur die Tränen, die fließen jetzt natürlich erst recht.

Wer a-ha doch lieber elektronisch mag: Im Sommer gastieren sie wieder für zahlreiche Konzerte in Deutschland, dann mit der „Electric Summer“ Tour.