Die Premierenvorstellung geht in die achte Stunde, als ich mich davonschleiche. Ungefähr dreißig Zuschauer sind noch im Theater, am Freitagmorgen gegen drei Uhr. Manche liegen auf den Bänken des Volksbühnenpraters und nehmen das gebotene Gesamtkunstwerk per Hautatmung auf, schlafend vielleicht (oder ohnmächtig?), immer wieder gehen welche hinaus, um Biernachschub zu besorgen.

Eine Frau wird von exaltierten Lachattacken geschüttelt, eine andere isst mit Plastikbesteck eine gesittete Bulette zur späten Nacht. Eine friedlich anmutende Szene, die allerdings in heftigen, dauernden, komplexen Lärm getaucht ist. Der Theaterbesuch ist erst ab 18 erlaubt, Ohrenschutz empfehlenswert, jeder Abend soll anders ablaufen. Nach dem letzten Stand der Ermittlungen − es konnte eine Zeugin ausfindig gemacht werden − soll die Premiere noch bis sieben Uhr fünfzehn gedauert haben.

Also, jetzt bin ich vielleicht doch schon lang genug im Geschäft, um einmal sagen zu dürfen: Ich habe schon einiges erlebt, aber noch nicht so etwas zugleich Wildes, zu Tränen Rührendes, Nervtötendes, Schockierendes, Fantasievolles, Schmerzendes, Langweilendes, Ekel- und Besorgniserregendes. Kleinlaut füge ich hinzu: Einmal reicht mir dann aber vorerst auch.

Das norwegische Theater-Duo Ida Müller und Verge Vinge und sein 43-köpfiges Team − der Programmzettel listet die Namen ohne Gewerk oder Rolle auf − hat sich für Wochen im Prater verbarrikadiert, um Henrik Ibsen huldigend zu malträtieren. Es ist der vierte Teil von Müller/Vinges „Ibsen-Saga“, im letzten Jahr gab es im Prater „Die Wildente“ als tagelange Dauerperformance − allerdings konnte man da nur durch ein Fenster von außen zusehen.

Nun also das Drama von einem gescheiterten Banker, Weltbaumeister und Spekulanten, der Großes, allerdings auch Illegales vorhatte mit den Einlagen seiner Kunden: „John Gabriel Borkman“ steht auf dem aus guten Gründen abwaschbaren Vorhang und ein zweiter Schriftzug fasst die Moral zusammen: „Vor dem Gesetz sind alle gleich“.

Der Satz spielt noch mindestens zweimal eine Rolle. Zu Beginn als Wink an die Bauaufsicht, die das treppenreiche Bühnenbild erst kurz vor der Premiere besichtigte und fehlende Handläufe und Geländer beanstandete, was den Vorstellungsbeginn um eine Stunde verschob.

Später in der Nacht kam der Regisseur, der mit Maske und Richard-Wagner-Shirt immer wieder die Bühne entert, mit einem Fuchsschwanz und sägte − das muss aber unter uns bleiben − die Sicherheitsnachrüstungen wieder ab. Und dann gab es da diesen rohrpostkartuschegroßen, mit dem Wort „Gesetz“ beschrifteten Kolben, den sich der auf einen mit dem Wort „Ich“ beschrifteten Klotz gelagerte Regisseur von einem hochrangigen Militär in den Anus schieben ließ, unter Zuhilfenahme von einem Kilogramm Kokain und Ketchup als Gleitmittel.

Gleichzeitig vergewaltigen Soldaten Borkmans Gattin Gunhild, nachdem sie zuvor mit zwei Eimern „Schande“ (Theaterkot) überkippt und mit frisch und gründlich abrasiertem Regisseursschamhaar dekoriert wurde. Dazu kreisen Hubschrauber, donnern Panzer durch das soeben von einer gigantischen Säge zerteilte, mit herzzerreißender Detail-Liebe ausgestattete Papp-Puppenstuben-Bühnenbild.

Wagner dröhnt, Bataillone marschieren, Salven knattern. Eine ganze Horror-Combo mit „Scream“-Masken wirbelt um Licht- und Soundpults, spielt synchron gemeinte Detonations-, Glitsch-, Splatter- und Schreitgeräusche ein − letztere differenziert nach dem Untergrund: Schnee, Diele, Teppich. Welche Mühe! Und das ist keine finale Totalszene, sondern eher ein wahllos aus dem gesampelten Dauerzustand gegriffener Moment.

Es gibt zwar tatsächlich ein paar Sätze aus dem Stück zu hören − allerdings bis an den Rand der Unverstehbarkeit geloopt, verzerrt und lärmverklumpt. Hat das was mit Ibsen zu tun? Vermutlich. Zumindest ist es egozentrisches, größenwahnsinniges Hochkunstweltbaumeister- und -zerstörungstheater, wie es den Helden Ibsens − besonders Peer Gynt oder eben Borkman − wohl zusagt.

Die bei Ibsen angelegten seelischen Konflikte werden ins Monströse getrieben und mit brachialem Tamtam ausagiert − am und im eigenen Künstlerleib. Ebenso rücksichtslos kämpfen die Erben mit dem nationalen Übervater Ibsen (Frank Castorf kriegt auch was ab).

Auch das Paar Müller und Vinges haben unter ihren Masken wohl etwas auszutragen in diesem Zirkus − er, der schwarzhaarige Totalkünstler, und sie, das blonde, ungeschlüpfte Kind, Borkmans Sohn. Wie dieses in den Mutterleib gesperrte Wesen gegen eine mannshohe Vagina poltert und nebenan auf den Klo Gunhild vor Wehen- und Abschiedsschmerz brüllt, während Vinge irgendetwas mit einem Amboss, einem Hammer und seinem Pimmel anstellt, das ist − nicht die Erschütterung durch das Musikgedonner vergessen! − auf trommelfell- und herzkammersprengende, nervenkostümzerfetzende Weise ergreifend. Da kann der Leser jetzt ruhig mit den Kopf schütteln.


John Gabriel Borkman bis 18. Dezember, jeweils freitags (19 Uhr) und sonntags (16 Uhr), Karten: 24 06 57 77