Herfried Münkler lehnt am Vortragspult. Grau melierter Vollbart, Brille mit runden Gläsern. Er referiert über die Unterschiede des Republik-Begriffs bei Machiavelli und Kant. Seine rechte Hand argumentiert mit. Gelegentlich löst er sich vom Skript, macht Anmerkungen zum Leben Kants. Die 200 Studenten im halbgefüllten Kinosaal der Berliner Humboldt-Universität schreiben konzentriert mit. Nur vereinzelt tuscheln zwei von ihnen.

Unialltag. Und doch sind Münklers Ausführungen über „Politische Theorien und Ideengeschichte“ derzeit die meistbeachtete Vorlesung des Landes. Der Grund dafür klebt auf einem der grünen Klapptische: „Blabla auseinander nehmen“, steht auf dem Sticker, darunter eine Internetadresse. Sie führt zu Münkler-Watch, einem Blog, auf dem seit Semesterbeginn die Vorlesung kritisch zerlegt wird.

Münkler sei ein Extremist der Mitte, heißt es dort. Die anonymen Autoren werfen ihm Chauvinismus vor, weil die Literaturliste fast ausschließlich männliche Europäer umfasse. Auch Sexismus und die Verwendung rassistischer Stereotype halten sie dem Politikprofessor vor. Harte Vorwürfe, die aber gerade in linken studentischen Kreisen schnell zur Hand sind. Die Autoren versuchen, ihre Anschuldigungen mit Zitaten aus der Vorlesung zu belegen. Die Beweisführung wirkt jedoch oft an den Haaren herbeigezogen, die Argumente pedantisch.

Auf viel Aufmerksamkeit über die Uni hinaus, stieß das Blog zunächst nicht. Vor zwei Wochen legten die Blogger dann Flugblätter im Hörsaal aus. Münkler ließ diese entfernen und nahm Stellung. Seine unbekannten Kritiker bezeichnete er wegen deren Anonymität als „erbärmliche Feiglinge“.

Der Stein kam ins Rollen. Zeit, Spiegel, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) berichteten. Ist Münkler wirklich Sexist und Rassist? Belege konnten die Journalisten dafür weder in der Vorlesung selbst, noch bei den befragten Studenten finden. Schnell wurde aus dem Beschuldigten ein zu Unrecht an den Pranger gestelltes Opfer. Nach der Lektüre des ziemlich aufgebauschten FAS-Beitrags musste man den Eindruck gewinnen, an der HU gehe die Angst im Lehrkörper um.

Die bundesweite Resonanz im Fall Münkler ist wohl vor allem zwei Faktoren geschuldet: Der Prominenz des Politologen und der gewählten Form: der anonyme Internetpranger. Letzterer steht im Fokus der Blogkritiker. Aus dem Schutz der Anonymität lassen sich leicht Vorwürfe erheben, Konsequenzen drohen kaum, der Beschuldigte kann sich schwerer verteidigen. Deswegen fordert etwa die HU-Leitung von den Bloggern, sich zu bekennen, weil nur so wissenschaftlicher Dialog möglich sei.

Dass ihre Anonymität ein Problem ist, merken mittlerweile auch die Autoren. „Es wird wenig über die Inhalte diskutiert, dafür viel über die Frage, ob man das darf“, räumt ein Mann am Telefon ein, der sich Caro Meyer nennt. Dieses Pseudonym nutzen alle Mitwirkenden von Münkler-Watch. Ihre echten Namen wollen sie nicht nennen aus Angst vor negativen Folgen für ihr Studium und die spätere Jobsuche.

Die Anonymität untergräbt jedoch die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe und bietet Raum für Spekulationen. So vermutete Münkler öffentlich, hinter dem Blog könnten wie im Fall von Jörg Baberowski Trotzkisten stecken.

Caro Meyer widerspricht: „Wir sind zwei Handvoll Studenten, meist Zweitsemester.“ Die Gruppe sei politisch vielfältig. „Es gibt keine Forderungen, weil wir uns nicht einigen konnten.“ Aber was könnten sie auch fordern?

Dass sich die Gruppe Münkler als Beobachtungsobjekt ausgesucht hat, begründet Meyer damit, dass er zum Pflichtprogramm der Politikzweitsemester gehöre und selbst stets die Öffentlichkeit suche. Auch der Umgang des Professors mit früherer Kritik etwa durch die Fachschaft habe dazu beigetragen: „Er hat dann gesagt, dass er in Talkshows als Privatmann auftritt. Das hätte nichts mit der Lehre zu tun. Deswegen sei die Kritik unberechtigt. Wir wollen herausfinden, inwieweit sich der Militarismus wirklich in seiner Lehre zeigt.“ Bisher habe man da aber wenig gefunden.

Ein älterer Gasthörer hält die Vorwürfe gegen Münkler für Unsinn. Er besuche seit drei Jahren dessen Vorlesungen und ihm sei bisher nichts Negatives aufgefallen. Im Gespräch relativiert auch Meyer, indem er ihn zum Beispiel für einen gesellschaftlichen Trend erklärt: „Münkler ist nicht mal besonders schlimm, sondern Abbild der Gesellschaft, in der Sexismus und Rassismus Alltag sind und nicht hinterfragt werden.“ Vieles sei Interpretation. Einige der Zitate, derentwegen Münkler Sexismus vorgeworfen wird, habe er selbst nicht als problematisch empfunden. Jedoch seien sich die Frauen in der Gruppe jeweils einig gewesen. „Das zeigt, dass vielleicht auch bei mir dafür nicht so das Bewusstsein da war.“

Münkler selbst weist die Vorwürfe der Blogger zurück und kritisiert, Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, Ironie nicht beachtet worden. Am Dienstag begnügt er sich mit kleinen Spitzen gegen seine Beobachter.

So sinniert er etwa, ob es seinem „Ruf als Sexist“ gerecht wird, wenn er auf die emotionale Darstellung der Frau des Brutus auf einem Gemälde hinweist und macht an anderer Stelle darauf aufmerksam, soeben ironisch gewesen zu sein. Ansonsten hält er routiniert seine Vorlesung ab, Munition liefert er Münkler-Watch dabei nicht. Auf Nachfrage sagt er, er wolle sich nicht weiter zu dem Thema äußern. Der Blog sei langweilig, und die Beschäftigung damit entferne ihn zu sehr von seiner eigentlichen Arbeit.