Für seine Mutter macht ein Holocaustleugner auch mal eine Ausnahme: „Ich bin dafür, dass wir die Gaskammern wieder öffnen und dich und deine ganze Brut da reinstecken.“ Nicht nur, dass er sich in einen Widerspruch verstrickt und nun lieber doch an den industriellen Mord glaubt. Offenbar ist ihm in der Aufgeheiztheit des häuslichen Streits nicht gleich klar, dass er selbst zur „Brut“ seiner Mutter gehört. Welche Mutter wäre gegenüber so viel Beklopptheit nicht auch hilflos?

Keine falsche Bescheidenheit

„Mütter und Söhne“ heißt der Recherchetheaterabend von Karen Breece, mit dem das Berliner Ensemble am Freitag seine neue Spielstätte, das Neue Haus, eröffnet hat: ein kleines, aber überraschend geräumiges Theaterhaus mit Foyer, Garderoben, Klimaanlage, einem Tresen und zwei Bühnen, ausgestattet mit allem was nötig ist, auch mit Drehscheiben. Intendanz und Presseabteilung machen einen Rummel darum, als hätten sie in der Sommerpause mal eben ein Bauprojekt in der Größenordnung von Stuttgart 21 gewuppt. Richtig so! Bitte keine falsche Bescheidenheit.

Der Abend ist dem Thema und der Herangehensweise gemäß eher zurückhaltend. Ungefähr zweihundert verschiedene Stühle sind auf der Drehbühne im Kreis verteilt, das Licht ist weiß und schmutzig, so heimelig wie der Energiesparschimmer auf Autobahnraststätten. Der Text besteht aus collagiertem, überschriebenem und verdichtetem Interviewmaterial, das die britische Regisseurin und ihr Team bei Gesprächen mit Nazi-Aussteigern, deren Elternhäusern und mit Experten gesammelt haben.

Die Ratlosigkeit der ihre Söhne liebenden und gleichzeitig von ihnen angeekelten Mütter (gespielt von Corinna Kirchhoff und Bettina Hoppe) steht neben den von Dummheit imprägnierten Nazisprüchen, die die Söhne (Nico Holonics und Oliver Krashaar) mal mit sonnigen Gesichtern, dann wieder mit von Suff und Testosteron aufgeschaukelter Aggressivität ausbreiten. Mit besonders perfider Zutraulichkeit und lockerem Ton plappert Laura Balzer als YouTube-Nazibraut in die Handykamera, die ihre Bilder (leider verzögert) an die Rückwand wirft.

Diese Beiträge sind von nervtötender Plumpheit, sodass man sich erschreckenderweise schnell langweilt mit dem Gerede von Volk, Feind, Kameradschaft, Wahrheit, Treue und Ehre. Interessanter sind da die Strategien, mit denen „die Bewegung“ in die Köpfe der Kinder dringen will: erst das Vertrauen gewinnen, dann die Ideologie. Neu ist das nicht.

Judenhass im Theater

Und vielleicht, weil die Schauspieler doch immer Schauspieler bleiben, auch wenn sie noch so verstrahlt herumgrölen – und weil auch das Publikum einmal aus der Sicherheit des Schutz- und Reflexionsraums Theater verstoßen werden soll, gibt es gleich zu Beginn eine volle Kelle brauner Authentizität über den Latz. Da wird sehr laut Nazi-Rock eingespielt wird: „Lasst die Messer flutschen in den Judenleib. / Blut muss fließen, knüppelhageldick./ Und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik.“ Man fragt sich, warum da keiner aufsteht und protestiert.

Solche Worte in einem bürgerlichen Theater? Und jetzt auch hier in einer bürgerlichen Zeitung? Es wird einem schlecht dabei, aber ohne die Reproduktion solcher Inhalte kann man sich kaum klar werden über die Ausmaße der Abgründe. Andererseits kommt man auch nicht viel weiter mit solchem Grusel. Wir stehen so ratlos davor wie die Mütter vor ihren Söhnen, an die sie gebunden sind. Soll man sich provozieren lassen? Soll man reden mit solchen Idioten? Soll man sie aus der Wohnung schmeißen? Ausgrenzen hilft nicht weiter, das hat Christoph Schlingensief schon 2001 erkannt bei seinem sehr mühseligen „Nazis rein“-Projekt. Es scheint so, als könnte man nichts richtig machen. Das ist nicht nur die Not der Mütter, sondern auch der Gesellschaft, die diese Mütter nicht allein lassen darf. Die Botschaft ist angekommen. „Die Tür war immer offen“, lautet der letzte Satz. Dann darf applaudiert werden.

Mütter und Söhne 7.–10.10., 20 Uhr im Berliner Ensemble (Neues Haus), Tel.: 28 40 81 55