Multimedia-Ausstellung „Nineties Berlin“ in der Alten Münze zeigt Berlins wilde Neunziger

„Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht miterlebt.“ Fand zumindest Falco – und das gilt auch für das Berlin der Neunziger. Dabei wäre angesichts der beginnenden Aufarbeitung der Neunzigerjahre ein gutes Gedächtnis schon wichtig. Immerhin einen Crashkurs in Sachen Zeitgeschichte bietet jetzt die bis Ende Februar 2019 laufende Multimedia-Ausstellung „Nineties Berlin“ in der Alten Münze am Molkenmarkt.

Der Zugang erfolgt stilecht durch einen dunklen Tunnel, der nur von zwei langen, dünnen Neonröhren erhellt wird. Dazu erklingen dumpfe, an Herztöne erinnernde Beats. Der erste Ausstellungsraum aber will mit einer über fünf Meter hohen Leinwand dann schon eindeutig überwältigen. Die anspruchsvolle 270-Grad-Projektion, die von einem atmosphärisch dichten Soundtrack unterstützt wird, ist eine kunterbunte Wundertüte, in der alles mit allem irgendwie zusammenhängt: Helmut Kohl mit Hausbesetzern und HipHoppern ... Eindringlicher sind da schon die ebenfalls in diesem Raum ausgestellten Schwarz-WeißAufnahmen des Grenzstreifens.

Die üblichen Verdächtigen

Unter dem Titel „Berlin Heads“ folgt dann ein Raum mit Video-Stelen, in dem 13 Zeitzeugen ihre Berliner Neunziger schildern, ergänzt von Vitrinen, die besonders aussagekräftige Objekte versammeln, unter denen sich sogar ein selbst gebauter Piratensender findet. Es sind auch die üblichen Verdächtigen, die da ihre schon oft gehörten Geschichten erzählen, wie Gregor Gysi, Inga Humpe, oder Westbam. Aber ein wichtiger Protagonist wie der Fotograf und Clubbetreiber Ben de Biel („Maria am Ostbahnhof“) kommt in diesem Raum ebenfalls zu Wort.

Fraglich bleibt indessen, wie pietätvoll es ist, unter dem Motto „Feel the Wall“ aus zwölf verschiedenen Mauersegmenten ein neues Stück Mauer als spaßige Foto-Gelegenheit zusammenzubauen, während im Raum nebenan im Rahmen einer drastischen Installation zum Thema „Fear the Wall“ auf das Schicksal der Mauertoten verwiesen wird.

Und kaum durchdacht scheint auch der labyrinthische Ausstellungsraum „Lost Berlin“, der explizit der Techno-Subkultur gewidmet ist: Auf großformatigen Touchscreens wird zwar authentisches Material der frühen Jahre präsentiert, doch viele der Gänge enden als Sackgassen, was der Botschaft der Ausstellung, den großen Aufbruch, die große Freiheit der Neunziger abzubilden, eindeutig widerspricht. Seltsam ist schließlich die Abteilung „Shop the Nineties“ – ein Sammelsurium von käuflichem Nippes in Neon-Farben, von dem man nicht weiß, ob es die Konsumkultur jener Jahre nun musealisiert oder einfach fortsetzt.

Touristen und Schulklassen

Träger der Ausstellung ist die DDR-Kultur-Unternehmensgesellschaft, die unter anderem das DDR Museum in der Karl-Liebknechtstraße betreibt, und zu deren Geschäftsführern der Jurist und Immobilien-Entwickler Quirin Graf Adelmann von Adelmannsfelden gehört. Dessen Neunziger begannen, wie er erzählt, in Oberschöneweide, und immerhin kennt er Clubs wie den Tresor und das Ostgut aus eigener Anschauung. Er findet, dass die von Matthias Kaminsky kuratierte Ausstellung ausdrücklich eine Ausstellung für Berliner sei. Und darüber hinaus ein Hinweis an die Politik, mit wie wenig Regulierungen man damals ausgekommen ist.

Tatsächlich ist wohl eher zu erwarten, dass sich zwei Zielgruppen wirklich mit „Nineties Berlin“ anfreunden werden: Jene Touristen, die im Hochgeschwindigkeitsmodus durch die Stadt rasen und glauben, an einem Tag abhaken zu können, wofür selbst Einheimische Jahre brauchen – und natürlich die Schulklassen auf Berlinbesuch, die zur nach wie vor lebendigen Berliner Clubszene keinen Zugang bekommen.

Opfer der Bespaßungs-Branche

Ohnehin hat schon der im vergangenen Jahr bei Suhrkamp Nova erschienene Band „Berlin Heartbeats“ das ambivalente Lebensgefühl der Neunzigerjahre auf den Punkt gebracht. „Man muss einfach alles selber machen“, schrieb darin etwa die Autorin und Musikerin Christiane Rösinger, die genau weiß, welchen Preis es hatte, ein Viertel seines Lebens auf dem Sofa zu verträumen: „Ofenheizung, keine Versicherungen und die ständige Ungewissheit, wie lange das Geld noch reicht.“

Dass gesellschaftliche Umbrüche auch Verlierer kennen und nicht jedes zur Improvisation gezwungene Individuum als erfolgreicher Unternehmer aus wechselnden Lebenslagen hervorgeht, hat die mit „Anarchie“, „Wandel“ und „Visionen“ werbenden Macher von „Nineties Berlin“ jedoch wenig interessiert. Welche Dekade wohl das nächste Opfer der Bespaßungs-Branche wird, kann man nur ahnen – wahrscheinlich die Nuller Jahre. Auch wer die wirklich miterlebt hat, wird sich kaum daran erinnern können.

Nineties Berlin, bis Februar 2019, täglich 10–20 Uhr, Alte Münze, Molkenmarkt 2