Vor einhundert Jahren bog ein Berliner Museumsprojekt in die Zielgerade ein, das bis heute die Kulturpolitik beschäftigt: die Dahlemer Museen. Ein durchaus irreführender Name: Das Ethnologische Museum etwa gilt weltweit als Museums-Klasse für sich. Die Sammlung umfasst mehr als 500.000 Nummern. Kein Museum seiner Art hat solche Breite und Tiefe. Wer die Kulturen Kaliforniens studieren will, ist hier besser beraten als in Kalifornien oder Washington. Die Archäologie Südamerikas hat nur in Mexiko-Stadt ihr Pendant. Die Pazifik-Sammlung ist schlichtweg einzigartig und selbst die zu Afrikas Kulturen übertrifft oft die Museen von Paris und London.

Auch das Museum für Asiatische Kunst, 2006 entstanden durch die Vereinigung des einstigen Museums für Ostasiatische Kunst mit dem Thron eines chinesischen Kaisers und des Museums für Indische Kunst mit den Wandbildern aus Turfan, konkurriert nur mit dem Musèe Guimet in Paris, dem British Museum in London, zwei, drei amerikanischen Museen sowie denen in China, Japan und Indien. Und das Museum für Europäische Kulturen hat als Dokumentation der Volkskulturen Mittel-, Nord- und Osteuropas nur in Wien seinesgleichen.

Bis 1998 waren auch noch die Gemäldegalerie und die Skulpturensammlung sowie das Museum für Islamische Kunst in Dahlem untergebracht Da hingen Gemälde von Botticelli nahe deutschen Skulpturen des Mittelalters, fand man Mumien der Inkas neben Bronzen aus dem westafrikanischen Benin. Maggelan-Masken aus Papua-Neuguinea und Buchmalereien aus Indien lockten hin zu Tuschmalereien. Nicht einmal im Metropolitan Museum in New York fand sich ein derart breiter Blick über die Weltkulturen. Dahlem, das war in der Museumswelt ein Terminus Technicus wie Louvre, Emeritage oder National Gallery.

Schatzhaus der Welt

Heute ist Dahlem in der Krise. Kaum 120 000 Besucher im Jahr. Die außereuropäischen Sammlungen sollen ab 2019 abgezogen werden ins Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz. Das Museum Europäischer Kulturen hängt völlig in der Schwebe. Eine sinnvolle Planung für die Nachnutzung gibt es nicht.

Wer die Bedeutung Dahlems verstehen will, muss weit zurückblicken. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war das ursprünglich eher provinzielle Berliner Völkerkundemuseum unter der Leitung von Adolf Bastian zu der anthropologischen Sammlung schlechthin aufgewachsen. Ironischerweise beruhte sein Erfolg gerade nicht auf einer aktiven deutschen Kolonialpolitik. Bismarck wehrte sich nämlich bis in die 1880er-Jahre, Kolonien zu erobern. Bastian musste also andere Wege gehen. Expeditionen wurden ausgesandt, Seeleute, Händler, Missionare und später auch Kolonialoffiziere erhielten Sammelaufträge. Mangels Macht kauften sie meist von den „Eingeborenen“ – auch deswegen gibt es in den Berliner Museen kaum Rückgabeforderungen.

Die Museen in London, Paris oder Amsterdam sammelten vor allem in ihren Kolonialgebieten. Berlin hingegen kartierte die Weltkulturen regelrecht und sammelte von vorneherein nach wissenschaftlichen Kriterien. Doch 1904 drohte die Feuerpolizei mit der Sperrung des Völkerkundemuseums: Die Fluchtwege waren ständig mit Kisten verstellt. 1906 forderte deswegen der neue Generaldirektor der Königlich-Preußischen Museen, Wilhelm Bode, die ethnologischen Sammlungen nach Dahlem zu verlagern. Dort sei genug Platz. Kurz darauf fügte er diesem Konzept das eines Asiatischen Museums für die Sammlungen islamischer, ostasiatischer und indischer Kunst hinzu.

1907 beschloss das preußische Abgeordnetenhaus, Bode zu folgen. 1912 legte der Architekt Bruno Paul Kaiser Wilhelm II. seine Pläne vor, 1913 wurden sie überarbeitet, 1914 begannen die Arbeiten am Asiatischen Museum, bis zum kriegsbedingten Ende aller Baumaßnahmen 1917 war der Rohbau fertig.

Bodes Kunst-Revolution

Bode begründete die Verlagerung des Völkerkundemuseums nach Dahlem damit, dass hier auch der Botanische Garten, das Botanische Museum sowie Forschungsinstitute untergebracht werden sollten. Zeitweilig war sogar daran gedacht, den Zoologischen Garten nach Dahlem zu verlegen und ein nationales Freilichtmuseum zu begründen.

Originell an seinem Konzept für das Völkerkundemuseum war 1906 also vor allem die Größe: Nirgends sonst hätte ein solches Museum einen derart monumentalen Auftritt erhalten. Wirklich revolutionär war hingegen seine Idee des Asiatischen Museums. Bode folgte damit Anregungen des Dresdner Museumsdirektors Woldemar von Seidlitz, der bereits 1903 ein solches Museum gefordert hatte. Islamische Kunst war für sie diejenige der Araber, der Perser und Osmanen. Chinas, Japans und Koreas Kunst verband aus ihrer Sicht die konfuzianische Philosophie, die Indiens der Buddhismus und der Hinduismus.

Sicher war dieser Kultur- und Religions-Schematismus ahistorisch Doch fand mit Bodes Konzept der Gedanke, dass die Welt der Kunst über Europa hinausreicht, einen ersten monumentalen Ausdruck. Das Pariser Musee Guimet und das 1909 eingerichtete Art Museum in Boston wären weit in den Schatten gestellt worden. Zudem plante Bruno Paul als Zentrum des Asiatischen Museums einen gewaltigen Saal für die frühislamische Mschatta-Fassade, als Pendant zum Riesensaal für den Pergamonaltar auf der Museumsinsel. Wie bis dahin nur in amerikanischen Museen, wäre in Berlin die Idee von der einen Weltkunst erfahrbar geworden.

Das Zentraldepot der Zwanziger

Doch Bodes Projekt eines Asiatischen Museums scheiterte. Nach 1918 beschloss die republikanische Kulturverwaltung, den Rohbau des Asiatischen Museums nur als Depot des Völkerkundemuseums zu nutzen und die Ausstellungen in der Innenstadt zu belassen. Ihre These: Wenn das Museum auch für Arbeiter und Kinder offen sein soll, müssen seine Ausstellungen schnell erreichbar sein. Dahlem aber, trotz des 1914 eröffneten U-Bahnhofs, liegt bis heute fernab der dicht besiedelten Stadtviertel Berlins.

Die Ostasiatische Kunst-Sammlung erhielt also 1924 im heutigen Martin-Gropius-Bau von dem Architekten Wilhelm Wille im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltete Säle, die islamische Kunst-Abteilung wurde 1928 im Südflügel des Pergamonmuseums untergebracht. Und die Ausstellungen des Völkerkundemuseums wurden radikal ausgedünnt. Die Direktoren wehrten sich zwar erbittert gegen die Aufteilung der Sammlung in einen für das breite Publikum gedachten, ästhetischen Teil und den „nur“ wissenschaftlichen Bestand. Aber sie verloren die Schlacht. In mancher Abteilung wurden mehr als 90 Prozent der Objekte nach Dahlem ins Forschungs-Depot gebracht.

Zum Mythos wurde Dahlem also erst in der Nachkriegszeit. Als West-Berlin in den 1950ern mit den westdeutschen Bundesländern darum kämpfte, dass die einstigen preußischen Kunstsammlungen zurückgeführt würden. Ein Argument war dabei, dass mit dem fast unbeschädigten einstigen Asiatischen Museum ein Nofretete, Rembrandt und China adäquater Ausstellungs-Bau bereit stand. Nachdem 1957 die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre Arbeit aufnahm, begann schnell die Erweiterung dieses Altbaus.

Mekka der 68er

Zuerst bekam die Skulpturengalerie Glashallen nach den Plänen Bruno Grimmeks, 1964 folgte das Depot des Völkerkundemuseums, 1970 das von Wils Ebert und Fritz Bornemann geplante Haus der Asiatischen Kunst und 1972 ihre neuen Häuser für das Völkerkundemuseum. Bornemann plante auch die Ausstellungen. Das magische Schwarz des Museums für Indische Kunst, die lichte Halle für die Keramiken aus Mittelamerika, der fantastische, wie von Sternen erhellte Saal mit den Segelschiffen aus dem Pazifik machten weltweit Furore.

Dahlem stand für ästhetisch luftige und wissenschaftlich tiefgründige Ausstellungstechnik. Raffiniert waren die Bildungsangebote gestaffelt, wurden hohe Kunst und breite Kulturgeschichte vermischt. Ein Museum der Welt-Kulturen bis hin zur Weltmusik, die man im Foyer hören konnte. Die Bildungs- und Museumsreformer der „68er“ hatten in Dahlem ihr Mekka. Mehr als eine Million Besucher kamen in den 1980ern jährlich.

Heute erlebt man statt spielender Kinder meist einige wenige Menschen, die gesittet von Objekt zu Objekt schreiten. Nach dem Auszug des Museums für Islamische Kunst, der Skulpturengalerie und der Gemäldegalerie 1998 sind die Besucherzahlen eingebrochen. Nur zu Sonderveranstaltungen wie dem Markt der Kulturen kommt Leben auf.

Schicksal besiegelt

Der Rückgang hatte schon Ende der 1980er-Jahre begonnen. Das Interesse für außereuropäische Kulturen war angesichts des mühsamen Zusammenwachsens der deutschen Gesellschaften geringer geworden. Zudem fiel der Bildungsenthusiasmus der 68er gerade in diesen Jahren einem neokonservativen, ästhetisierenden und ziemlich elitären Kunst-Kult zum Opfer. Die populären Führungsblätter veralteten, die Museumspädagogik degenerierte zum Kinderbespaßungs- Programm. Führungshefte fehlten, der Staub senkte sich in die Vitrinen. Und im legendären Leseraum der Südsee-Ausstellung, auf dessen rauen Sisalstufen ungezählte Kinder erste Erfahrungen mit fernen Literaturen hatten, hängen Kunst-Fotos an den Wänden.Wenn der Raum denn noch genutzt wird.

Als 2001 beschlossen wurde, das Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz zu bauen, schien Dahlems Schicksal als Museumsstandort besiegelt. Zumal die Stiftung Preußischer Kulturbesitz trotz Geldmangel eisern daran festhält, am Stadtrand in Friedrichshagen ein neues Zentraldepot der Museen zu bauen. Obwohl die Kostenkalkulationen von 2000 längst obsolet und die Mitarbeiter in den Museen seit jeher strikt opponieren: Zu weit draußen, zu schlecht mit Bahn und Bus zu erreichen, zu weit weg von den Dauerausstellungen, um Objekte schnell auswechseln zu können, zu weit weg von der Forschung in den Universitäten, zu teuer wegen der nun nötigen Kunsttransporte.

Die Mitarbeiter werden in der Stiftungsspitze genauso wenig gehört wie Lokalpolitiker, die fürchten, dass der Vorort in kultureller Bedeutungslosigkeit versinkt. Aber was ist eigentlich als Nachnutzung für die Dahlemer Bauten vorgesehen? Die Freie Universität könne die Räume haben, heißt es vage in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Aber die braucht einen genauen Zeitrahmen, will eigentlich Neubauten. Der Bezirk könne die Gelände übernehmen. Wofür? Die Staatsgrundstücke könnten an reiche Villenbesitzer verkauft werden. Ist das akzeptabel?

Raus aus dem Portefeuille

Nur eins scheint die Planer der Preußen-Stiftung zu bewegen: Dahlem soll raus aus dem Portefeuille. Dabei ist das Haus der Asiatischen Kunst erst um 2000 aufwendig saniert worden, wurden Millionen in den Altbau von Bruno Paul und in die Ertüchtigung der Neubauten aus den 1970ern investiert.

Und so wird die große bildungs- und stadtpolitische Chance, die Dahlems Museumsbauten bieten, bisher ausgeschlagen: Sie sollten das neue Zentraldepot der Museen werden. Statt des teuren Neubaus im fernen Friedrichshagen. Hier könnte die Fülle der Sammlungen sich in dem Publikum offenen Magazinen zeigen, so, wie man es aus Amerika, den nordischen Ländern, Großbritannien kennt. Zumal das Humboldt-Forum viel zu klein ist für den Reichtum, den Berlins Museen zeigen könnten.

Dahlem ist nahe der kunsthistorischen und ethnologischen Forschung in der Freien Universität, auch zum Geheimen Staatsarchiv mit seiner Überlieferung der deutsch-preußischen Staats- und damit Museumsgeschichte. Dank der U- und der S-Bahn ist Dahlem auch nahe zu den anderen Berliner Universitäten und Hochschulen, zur Museumsinsel, zum Kulturforum. Werkstätten gibt es hier schon, die in Friedrichshagen erst gebaut werden müssten. In einem Sonderausstellungsraum könnten hier publikumsnah neue Ideen kostengünstig ausprobiert werden. So wie es derzeit das Humboldt-Lab vormacht. Damit wären sogar die Dahlemer Patrioten glücklich gemacht.

Was für ein Welt-Studienzentrum. Bürger- und forschungsnah. Und so billig . Rettet Dahlem.