Berlin - Die Beletage des grauen Gründerzeithauses Linienstraße 154 A fällt auf durch eine tiefrot verhangene Fenster-Reihe. Dazwischen ist an der Fassade eine Gedenktafel angebracht, ein tiefrotes Dreieck mit der Spitze nach unten, wie es die Kommunisten in den Konzentrationslagern der Nazis auf der Häftlingskleidung tragen mussten. In diesem Haus lebte einst Magarete Kaufmann, stammend aus St. Petersburg, wegen illegaler Agitprop-Arbeit gegen Hitler verhaftet, deportiert, ermordet 1942 in Auschwitz.

Nun, die Gedenktafel ist nicht der primäre Anlass für das Museumsprojekt drinnen, ein „roter Faden“ aber ergibt sich daraus schon. Denn es geht ums Zu-sich-Kommen, ums Entschleunigen, Nachdenken – über Geschichte in dieser Stadt. Über Kunst: Malerei und visionäre Architekturentwürfe, die ihrerseits fragen: Wie wollen wir eigentlich leben?

Ruhe ist angesagt

Drinnen, bei subtuiler Beleuchtung, sind die Wände ebenso tiefrot gestrichen, der Fußboden mit grauschwarzem Teppich ausgelegt, jeder Schritt und Tritt wird verschluckt. Willkommen im Museum der Stille. Nikolai Makarov, ein Berliner Maler russischer Herkunft, hat seinen vor fünf Jahren auf Druck der Nachbarn geschlossenen Kunst- und Meditations-Ort wieder eröffnet, diesmal mit Hilfe einer Stiftung, die den Namen eines Förderers, Mawrizki, trägt.

Damals, 2009, gab es noch einen Club im Haus, den Anwohnern war es zu laut geworden, wegen der vielen Leute. Und zur säkularen Kunst-Andacht, wie der Künstler es sich vorgestellt hatte, kam es nicht.

Jetzt wird es anders: Silence (Stille, Ruhe, Schweigen) ist angesagt, keine Musik, keine lauten Debatten, keine Partys. Nur Zwiesprache mit kleinen schwarzen Bildern und einem großen dunkel-silbrig-kosmischen Wand-Gemälde des Museumsgründers, der einst an der Akademie der Künste Berlin (Ost) Meisterschüler von Werner Klemke war und heute in New York, Los Angeles und Paris zu den gefragten Malern der Gegenwart zählt. Nebenan stehen kleine utopistische Architekturmodelle von Max Dudler, Stephan Braunfels, Franco Stelle, Sergej Tchoban und anderen Namhaften der Zunft auf Sockeln.

An Fürsprechern fehlte es nicht für dieses – ungewöhnliche – Projekt, das eine Art Kunst-Therapie gegen das Burnout-Syndrom im aufgeregten, rastlosen Kunstzirkus sein will. Gerade dieser Tage, während der Art Week. Sogar der umtriebige Kunstanwalt Peter Raue schrieb erfreut an Makarov, auch die Kirchen hätten erkannt, dass es solche säkularisierten Andachtsräume geben müsse. Vier Stunden Kunstmesse, dann: Sitzen, Atmen, Entspannen.

Museum der Stille, Linienstraße 154 A (Mitte), Di–So 14–19 Uhr. Eintritt frei.