Der Berliner Museumswächter ist ein interessantes Wesen. Ihn zu beobachten, kann schnell interessanter werden als die Exponate. Und wir reden hier nicht von der Museumswächterin in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofs, die in unregelmäßigen Abständen in Gesang ausbricht und durch ein Schildchen an der Säule als ein Werk des Berliner Künstlers Tino Sehgal zu erkennen ist. Wir reden von ganz normalen Museumswächtern.

Bei einem Besuch der Ausstellung „Ausweitung der Kampfzone“ in der Neuen Nationalgalerie waren kürzlich etwa zwanzig von ihnen in ihrem natürlichen Umfeld und beim Beschützen der Kunstwerke vor Zerstörung oder Diebstahl zu beobachten – deutlich mehr übrigens als Besucher. Es sind zumeist gut genährte Best Ager in schmucken Dreiteilern, die sichtlich froh darüber sind, dass sie bei diesem unwirtlichen Wetter einen warmen Einsatzort gefunden haben. Damit es nicht zu langweilig wird, sind viele von ihnen in ernste Gespräche vertieft – die meisten von ihnen Urberliner, die auch in den Räumen etwa der Nationalgalerie für die heimelige Atmosphäre von Neuköllner Eckkneipen sorgen.

Einer von ihnen erklärt neben einer Installation von Nam June Paik seiner andächtig nickenden Kollegin lautstark, warum der Keller der Nationalgalerie fast ebenerdig ist: „So ham se hier nich die Probleme wie die Häusa drüben am Potsdamer Platz, wo se bei jedem Rejen dit Wasser ausm Kella pumpen.“ Ja ja, das Berliner Urstromtal.

In dem Raum, in dem die Installation mit alten Volksempfängern von Edward Kienholz zu sehen ist, unterhalten sich zwei Museumswärter über Probleme mit dem Wohnungseigentümer: „Ick weeß och nicht, wat der Mann will. Ick hab die Miete doch übawiesn.“ Hinter einer Installation von Bruce Nauman studiert ein Wächter mit der Intensität eines Archäologen die Beschriftung eines Feuerlöschers.

In dem Raum, in dem Fotos und Objekte von dem Künstlerpaar Blume zu sehen sind, erläutert ein kenntnisreicher Wächter einem japanischen Touristen: „These things are actually worth a lot of money.“ Dabei reibt er Daumen und Zeigefinger mit einer Pinke-Pinke-Geste aneinander. Der Japaner hört’s mit stillem Erstaunen.

An der nächsten Ecke steht neben einem Werner-Tübke-Ölgemälde, das Szenen aus den Bauernkriegen zeigt, ein Mann mit edlen Zügen so still, dass man ihn für eine Skulptur des amerikanischen Bildhauers Duane Hanson halten könnte. Doch dann zerbricht die Illusion jäh, als er plötzlich seinen Mund öffnet, um herzhaft zu gähnen.

Man könnte sich eine Welt vorstellen, in der Museumswächter Studenten der Kunstgeschichte sind, die der ausgestellten Kunst über längere Zeit ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmen wollen. Nicht so in Berlin. Die meisten Museumswächter scheinen den Kunstwerken um sie herum eher indifferent gegenüber zu stehen – so wie der Kollege, der hinter einem Turm von Monitoren steht, die zeigen, wie sich die amerikanische Performancekünstlerin Carolee Schneemann nackt auf dem Boden einer Galerie herumwälzt und dabei die Wand bemalt. Wie ein Schuljunge, der unter der Bank einen Comic liest, versteckt er hinter dem Bildschirm sein Handy, auf dem er wild herumtippt.

Doch ein anderer der Aufpasser interessiert sich so sehr für das Funktionieren einer Installation von Jason Rhodes, an der sich allerhand dreht und bewegt, dass sein Kopf fast zwischen dem Gestänge des Werks verschwindet. Und dann ist da zwei Räume weiter die Wächterin, die auf einem Bein mit in sich gekehrtem Gesichtsausdruck in einer Art Yoga-Position steht. Ob diese Meditation von der tiefen Spiritualität des Mark-Rothko-Gemälde ausgelöst wurde, vor dem sie ihre Übungen durchführt? Man möchte sie gerne danach fragen. Doch dann wagt man es nicht, sie in ihrer stillen Versenkung zu stören.

Die Kunst in der Nationalgalerie soll uns berühren und zur Reflexion anregen. Das sorglos-entspannte Treiben der Berliner Museumswächter zeigt uns, wie Menschen aussehen, die regelmäßig durch Kunst mit den großen Fragen der Menschheit konfrontiert werden. Am Ausgang spitzt der Museumswärter neben einem Ölgemälde von Neo Rauch seine Gedanken so zu: „Ick frag mich, wie dit allet weita jehn soll.“ Wer fragt sich das nicht?

Fortsetzung folgt.