Spätestens mit der amerikanischen Fernsehserie „Euphoria“ zum soziokulturellen Zenit des Generation-Z-Zeitgeistes und der Glorifizierung darin vorkommender Charaktere scheinen das Internet und seine pseudo-intellektuellen Analysen kaum noch Grenzen zu kennen. Eine der Figuren in „Euphoria“ ist Trans-Star Faye. Faye trägt rosa Croptops mit niedlichen Comicfiguren und schmollt mit ihren schlauchboothaft unterspritzten Lippen.

Faye ist außerdem auch eine drogenabhängige Prostituierte. Was die Serie, zumindest für ihre Fans auf Instagram und TikTok, vielleicht mit der Realität verschwimmen lässt, ist, dass bei einigen der Schauspieler und Schauspielerinnen Züge ihrer Charaktere auch in der realen Welt vorhanden sind. Die 24-jährige Chloe Cherry, die Faye spielt, ist etwa auch außerhalb von „Euphoria“ Sexarbeiterin. Mit 18 begann sie, Pornos zu drehen. Seit Ausbruch der Pandemie zeigte sie ihre Inhalte fast nur noch auf OnlyFans – ein Webdienst, wo man erotische und pornografische Fotos und Videos hochladen kann.

Selbst-Sexualisierung online

Welche Auswirkung diese Art der Selbstdarstellung im Internet hat, versucht die Ausstellung „Profiling“ – kuratiert von Martha Oosterveen und Nicholas Tammens – momentan im Museum für Fotografie zu behandeln. Die Gruppenausstellung zeigt Fotografie, Videos und Installationen von Studierenden der Universität der Künste Berlin (UDK) und fokussiert dabei vor allem auf Online-Profile. Dabei versucht „Profiling“ in erster Linie Identitätsfragen aufzuwerfen: Wie wird die selbst gestaltete Verschönerung von Identität online normalisiert – und wie werden diese Identitäten politisiert? Was nach einer soziokulturellen Analyse des Zeitgeistes klingt, wirft am Ende mehr Fragen auf, als die Ausstellung beantworten kann.

Die Fotoserie „Notes IOU“ (2022) von Dana Rabea Jäger etwa zeigt intime Ausschnitte von Schaufensterpuppen, etwa Nahaufnahmen des Genitalbereichs der Puppen oder wie diese lasziv ihre Lippen berühren. Trotz ihrer Leblosigkeit wirken sie in diesen Bildern befremdlich menschlich. Eines der Fotos zeigt einen von Bauchnabel bis Oberschenkel skalierten Ausschnitt einer weiblichen Puppe. Über ihrem Intimbereich befindet sich eine behütend wirkende Hand, die entweder von ihr selbst oder von einer zweiten Puppe stammen könnte. Die glattpolierte Haut erinnert dabei mehr an die makellose Haut von Kindern als von Erwachsenen.

Die Porno- und Unterhaltungsindustrie leben bekanntlich von der Sexualisierung von Kindern. Offensichtlich wird dies nicht nur durch Kategorien wie „Teen“ oder „Just Turned 18“ auf Mainstream-Porno-Kanälen. Sondern auch etwa durch die gesellschaftliche Obsession, krampfhaft jung zu bleiben. In „Euphoria“ spielen teils 30-jährige Erwachsene 17-jährige Jugendliche, die Oberteile tragen, welche wiederum von Sechsjährigen stammen könnten.

Bilder wie Profilbilder austauschbarer Social-Media-Plattformen

Die Arbeit „Employee oft the Month“ (2017 – fortlaufend) von Koob-Sassens Company besteht aus 12 quadratischen Kacheln, die jeweils ein Porträt einer Person zeigen. In der Werkbeschreibung ist von einem fiktiven Unternehmen die Rede, das aber nicht adressiert werden solle. Bei den Porträts der einzelnen Menschen könnte es sich auch um Profilbilder auf einer x-beliebigen Social-Media-Plattform handeln. Sogar die Porträts selbst – obwohl es sich dabei um Personen verschiedener Altersgruppen, Geschlechter und Ethnien handelt – wirken makaber generisch.

Viele Arbeiten dieser Ausstellung schießen sich auf soziokulturelle Phänomene ein. Nicht so das wohl umfassendste Werk „0x0x0“ (2022) von Tara Habibzadeh. Das Video ist eine Collage aus Found-Footage-Material mit einem partiellen Voiceover von Habibzadeh selbst. „Als ich Kind war, gab es nur zwei verschiedene Arten von Menschen in der Welt: traurige Mädchen und wütende Jungs“, erzählt Habibzadeh, während man einen Motorradfahrer durch eine iranische Stadt fahren sieht.

Kurz danach zeigt das Video eine Bildschirmaufnahme einer Internetrecherche zum „Kim Kardashian Camouflage Look“. Für Bruchteile einer Sekunde werden zwischen Fotos jener Milliardärin, die durch einen Porno berühmt wurde, Kriegsszenen eingeblendet. Sie zeigen Soldaten, darunter auch Kindersoldaten, mit Kleidung in derselben Ästhetik. Ohne direkt zu kommentieren, verdeutlicht Habibzadeh das groteske Ausmaß westlicher Aneignung, die durch soziale Medien Raum in der Massenkultur findet.

„Lieber Putin, wäre ich deine Mutter gewesen ...“

Ebenfalls zu sehen ist ein kurzer Ausschnitt des viralen Videos „Dear Putin, If I Was Your Mother …“, in dem sich die Schauspielerin AnnaLynne McCord dafür entschuldigt, nicht Putins Mutter gewesen zu sein. Wäre sie seine Mutter gewesen, wäre er geliebt worden – so lautet die Grundaussage des Videos. Und dann würde es, laut der desillusionierten Schauspielerin, jetzt wohl keinen Krieg in der Ukraine geben.

Im Prinzip macht McCord Putins Mutter für die Kriegsverbrechen ihres Sohnes verantwortlich. „0x0x0“ ist ein Testament der Politisierung von Popkultur – sowie ihrer gleichzeitigen Verharmlosung. Ähnlich wie die Verharmlosung von OnlyFans, das von manchen als befreiende und selbstbestimmte Plattform beschrieben wird, letztlich aber Pornografie nur immer weiter als ultimativen und schnellen Weg zu Erfolg und Geld verkauft. Trotz eines teils fehlenden kuratorischen roten Fadens demonstrieren einzelne der hier gezeigten künstlerischen Positionen, wie gesellschaftlich einflussreich scheinbar harmlos daherkommende TV-Serien, selbstgedrehte Videos und Social-Media-Profile sind.

„Seen By #17 Profiling“, im Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Berlin-Charlottenburg. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11–19 Uhr.