Bislang waren all die gerahmten Fotos eher nebensächlich. Nun aber werden sie bedeutsam, stecken sie doch das Koordinatensystem eines passionierten Sammlers, Forschers, ja Kulturbrücken-Erbauers um 1900 ab.

Im Treppenaufgang, hoch zum Museum für Islamische Kunst im Berliner Pergamonmuseum, hängen eigentlich schon immer, doch eher unbeachtet, 29 Fotos. Es sind alte, graustichige Dokumente jener Expeditionen und Orient-Reisen, die der Berliner Archäologe Friedrich Sarre (1865–1945), Gründervater der Museums-Disziplin Islamische Kunst überhaupt, unternommen hatte: Nach Istanbul, Damaskus, Aleppo und Isfahan, nach Kairo, Bagdad, Mossul, Samarkand und Buchara.

Denkwürdig, dass die Staatlichen Museen gerade jetzt, da die islamische Welt von Konflikten und Kriegen zerrieben wird, von dort Flüchtlingsströme nach Europa und besonders Deutschland ziehen und sich hier anti-islamische Hetze und Vorurteile ausbreiten, diese erhellende Ausstellung zeigen. Sarre, der aus einer Berliner Industriellen-Familie stammte und Maria, die Tochter des Pergamon-Altar-Ausgräbers Carl Humann geheiratet hatte, war ein Vordenker wider alle Klischees und Vorurteile gegen den Islam. Er suchte und fand auf seinen Reisen durchs Osmanische Reich, Persien und den Irak Schätze, die sein kosmopolitisches Verständnis eines west-östlichen Divan (Goethe) illustrierten und den kulturellen Wert des Austauschs, ganz im Sinne von Lessings Ringparabel, deutlich machten. Dafür ließ Sarre sich aber auch naiver- und fatalerweise zeitweilig ein mit dem Jungtürken Enver Pascha, der viel später mitverantwortlich wurde am Armenier-Genozid.

Sarre sammelte – vor Ort, ebenso auf dem europäischen Kunstmarkt – was der Kulturbrücke dienen sollte: wunderbare Teppiche und Gebet-Kelims, feinste Keramik, Glas- und Metallobjekte, erlesene, lange im Familienbesitz und damit der Öffentlichkeit erst jüngst zugängliche Buchkunst mit Koran-Prachtausgaben.

Seinerzeit kam Sarre der Zeitgeist zu Hilfe: Die Orientalistik lag in Europa im Trend. Sarre trug das Interesse dafür sozusagen in die Salons des Kaiserreichs. Und das war schließlich um Bedeutung und Einfluss in der Welt bemüht, Kultur und Kunst dienten als Legitimation und Reputation im folgenreichen Spiel der Weltmächte.

Auch Berlins Museums-Chef Wilhelm von Bode schätzte Sarres Passion und natürlich die 93 000 in dessen Neubabelsberger Villa zusammengetragenen Orient-Objekte. Auf Bodes Anregung hin gründete Sarre 1904 die Islamische Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums. 1918 schenkte der Sammler dem Haus 900 Objekte und war von 1921 bis 1913 auch der Direktor dieses ersten Islam-Kunst Museums überhaupt.

Am Eingang zur Schau über den Berliner Orientalisten hängt ein Poster mit dessen Konterfei und einer Art Wappentier: die Eule, Zeichen der Weisheit. Dann, vorbei am Gemälde „Der persische Teppichhändler“, 1888 vom mit Sarre befreundeten Osman Hamid Bey gemalt, geht es, Raum für Raum bis zum Saal mit der Mschatta-Fassade, zu den Sarre-Schätzen, die heute dem Museum für Islamische Kunst gehören: So auch der Mihrab aus Kaschan, einer Gebetsnische, Iran, 1226.

Sarre, der sich 1899 demonstrativ im Gewand eines Scheichs ablichten ließ, kaufte 1912 sogar das berühmte, um 1600 entstandene christlich-orientalische Aleppo-Zimmer – jenes alle Geräusche schluckende teppichbelegte Edelholz-Interieur, in dem man sich wie im friedlichsten Syrien fühlen könnte. Wenn das nicht eine große Illusion wäre. Aleppo liegt bekanntlich in Schutt und Asche.